Häusliche Gewalt : Hiebe zum Tee

"Grausam gut geschrieben": Inka Friedrich und ihre Rolle als geschlagene Ehefrau in dem ARD-Film „Kehrtwende“.

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Kontrollverlust. Thomas Schäfer (Dietmar Bär) schlägt seine Frau Viola (Inka Friedrich). Foto: WDR
Kontrollverlust. Thomas Schäfer (Dietmar Bär) schlägt seine Frau Viola (Inka Friedrich). Foto: WDRFoto: WDR/Willi Weber

Langsam hat es sich aufgestaut in Gymnasiallehrer Thomas Schäfer (Dietmar Bär). Der beschädigte Laptop, der Ärger mit der Schulrätin, die begrenzte Freude seiner Frau Viola (Inka Friedrich) über das neue Auto, das verlorene Schachspiel – und dann noch das: Blut auf dem Auto-Sitzpolster! Das ist einfach zu viel. Was schert es ihn, dass das Blut von seinem Sohn Sven (Justus Kammerer) stammt, den seine Frau ins Krankenhaus bringen musste, weil Schäfer „die Hand ausgerutscht“ war? Er stürmt ins Haus, stellt Viola zur Rede, schlägt auf sie ein, tritt ihr in Bauch und Rücken. Man hat als Zuschauer den bevorstehenden Ausbruch der Gewalt in dem ARD-Fernsehfilm „Kehrtwende“ förmlich gespürt.

Was danach geschieht, ist beinahe noch unfassbarer: „Die Frau steckt das ein, verschließt nicht die Tür, rennt nicht weg. Dann sitzen die nebeneinander, und sie entschuldigt sich. Man denkt: Das gibt’s nicht, aber das gibt es alles“, sagt Inka Friedrich. „Grausam gut geschrieben“ sei diese Szene, weil sie von der Demütigung erzähle, von der verloren gegangenen Selbstachtung. „Es ist nicht nur die Physis, es ist auch eine mentale Gewalt.“ Muss man die Gewalt überhaupt zeigen? Anfangs gehörte Inka Friedrich zu denen, die die Prügelszene lieber hinter eine verschlossene Tür verbannt hätten. Die Gewalt wäre nur zu hören gewesen. „Jetzt finde ich es absolut richtig. Einmal muss man es sehen“, erklärt sie.

Dror Zahavi („Zivilcourage“) inszenierte das von Johannes Rotter geschriebene Familiendrama nüchtern und differenziert, ohne schluchzende Geigen, falsches Happy End, aber auch ohne totale Hoffnungslosigkeit. Dass Akademiker in den eigenen vier Wänden ebenso wie andere Bevölkerungsgruppen ausrasten können, ist keine neue Erkenntnis, aber im Fernsehen prügeln doch meist Prolls und Alkoholiker. Immerhin: Lehrer und Chorleiter Schäfer, von Dietmar Bär als Mann mit akkurat gezogenem Scheitel und leicht erregbarem Ordnungsfimmel glänzend gespielt, schreibt beim Antigewalttraining fleißig mit. Und Viola zieht dann doch mit dem Sohn und der 18-jährigen Tochter Sofia (Natalia Rudziewicz) aus – vorerst. Diese verletzte, sich nach einer heilen Familie sehnende Frau ist die schwierigere Rolle, weil man so schwer nachvollziehen kann, warum sie ihren Schläger von Mann nicht zum Teufel jagt.

Inka Friedrichs Freude über solche Rollen in anspruchsvollen Filmen ist nicht ganz ungetrübt. „Ich bin beim Drehen zuletzt eher bei den verzweifelten Muttis gewesen. Ich würde mal gerne eine Figur richtig dick machen, fett und groß.“ Sie spricht das so aus, als säße sie ausgehungert vor einem dicken Stück Sahnetorte – und dürfte nicht hineinbeißen. „Die Rollen werden einfach dünner.“

Inka Friedrich, 46, schmales Gesicht und hellgrüne Augen, stammt aus dem sonnigen Südwesten, aus Freiburg/Breisgau. In Berlin hat sie ab 1984 die Schauspielschule besucht, hat hier lange gelebt und Theater gespielt. Hier hat sie mehr als einen „Sommer vorm Balkon“ verbracht. Die Rolle der Katrin in dem Film von Andreas Dresen über zwei befreundete Frauen in Prenzlauer Berg war wohl ihre populärste und wichtigste. Überhaupt, dieser Dresen: Mit ihm hat sie auch bei „Willenbrock“ sowie bei „Kasimir und Karoline“ am Deutschen Theater Berlin zusammengearbeitet. „Er ist klug, intelligent, sensibel. Da kommt einiges zusammen. Wie der mit Schauspielern umgeht – großartig“, sagt Inka Friedrich und fügt lachend hinzu: „Dresen ist pädagogisch wertvoll.“

Sie lacht gerne, redet lebhaft, die Hände sind viel in Bewegung. Ein Energiebündel, das beim Interview zwei Tassen grünen Tee trinkt und auch sonst Grün wählt. Das politische Beben in ihrer Heimat Baden-Württemberg findet sie „spitze“. Zurzeit lebt sie mit ihrem Mann, dem Schauspieler Frank Seppeler, und zwei Söhnen in Zürich. Dazu fallen Inka Friedrich vor allem die hohen Kosten für die Kinderbetreuung ein. „Zürich ist eine reiche Geldstadt. Da hält uns nichts.“ Im Sommer geht’s zurück nach Berlin.

„Kehrtwende“, ARD, 20 Uhr 15. Zum Thema „Der Feind in der Familie – wenn der Mann zum Schläger wird“ diskutiert der Schauspieler Dietmar Bär mit anderen Gästen bei Frank Plasberg in „Hart abert fair“, im Anschluss an diesen Film um 21 Uhr 45.

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