Medien : Haltung, bitte!

Fernsehfrauen in Deutschland: Die größte Frechheit ist Heidi Klum. Wo bleiben die Nachfolgerinnen von Heike Makatsch und Bettina Rust?

Matthias Kalle

Zugegeben, in den USA ist wirklich nicht alles besser als bei uns, das Wasser aus der Dusche kommt nur tröpfchenartig heraus und nicht wie in Deutschland mit Druck wie frisch von der Feuerwehr – aber sonst? Das Fernsehen hat längst einen Standard erreicht, der deutschen Programmmachern die Schamesröte ins Gesicht treibt, wenn sie den Quatsch, den sie den Zuschauern hier anbieten, mit den Premiumprodukten ihrer Kollegen vergleichen. Die haben die spannenderen Serien, die klügeren Autoren, die mutigeren Verantwortlichen. Und sie haben die tolleren Frauen. Frauen im deutschen Fernsehen symbolisieren die Krise nicht nur – sie stecken auch in einer Krise.

Die amerikanische „Vanity Fair“ feierte unlängst die neue Generation amerikanischer Fernsehfrauen – für ihren Humor. Selten gab es dort so viele talentierte, lustige Frauen im Fernsehen, die nebenbei auch noch klug sind und gut aussehen. Das ist nicht ganz neu, das hat Tradition. Frauen wie Oprah Winfrey, Ellen Degeneres oder Tyra Banks sind seit Jahren sehr erfolgreich. Ihre Sendungen bekommen Spitzenquoten, werden mit Fernsehpreisen überhäuft. Warum? Weil die Konzepte stimmen, weil sich fähige Menschen Gedanken dazu gemacht haben, weil die Formate zu den Frauen passen. Und weil diese drei Fernsehen tatsächlich arbeiten und nicht denken, dass das Fernsehen nur auf sie gewartet hätte. Das Fernsehen wartet auf niemanden, egal, ob Mann oder Frau. In Deutschland wissen das vor allem die drei erfolgreichsten Fernsehfrauen, die alle einen langen Weg hinter sich haben: Sandra Maischberger, Maybrit Illner und Anne Will. Ihre Sendungen werden von den Moderatorinnen getragen, die heißen nicht umsonst so. Das liegt aber auch daran, weil alle drei eine profunde Ausbildung haben und eine kompetente Redaktion. Aber dann gibt es halt auch diejenigen im deutschen Fernsehen, die gar nichts haben.

Die größte Unverschämtheit zurzeit ist Heidi Klum, deren größtes Talent darin besteht, ihre eigene Sendung zu ruinieren. Denn auch das tatsächlich gute Konzept von „Germany’s Next Topmodel“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein Fehler war, den lustigen Bruce rauszuschmeißen und ihn durch einen Werbefuzzi zu ersetzen. Solche Leute sind immer unsympathisch – wenn auch nicht so unsympathisch wie Klum. Ausgestattet mit einer Schreckensstimme und dem dazu passenden Styling, erfüllt sie in der Sendung irgendwie gar keine Aufgabe. Sie ist halt da. Aber sie moderiert nicht, coacht nicht, trägt zum Erkenntnisgewinn nichts dabei – außer dass sie am Ende dafür sorgt, dass das Mädchen, was ihr am ähnlichsten ist, gewinnt, womit dann mit Sicherheit eine Sache nicht gefunden wurde: ein Topmodel. Klum ist kein Topmodel, jedenfalls nicht nach internationalen Maßstäben. Eine Moderatorin – also jemand, der eine Sendung tragen könnte – ist sie allerdings auch nicht. Leider können in Deutschland kaum Frauen eine Sendung alleine tragen – oder man traut es ihnen nicht zu und stellt ihnen einen Mann an die Seite. Die RTL-Moderatorin Nazan Eckes, zweifellos eine der wenigen mit Talent, durfte nicht einmal „Let’s Dance“ alleine moderieren, sondern nur zusammen mit Hape Kerkeling. Eckes fing, wie so viele, bei Viva an, allerdings als Redakteurin. Sie stand dort nicht vor der Kamera. Vielleicht beherrscht sie deshalb mehr Handwerk als die Gülcans und Collins dieser Welt, die vor allem eines sind – austauschbar und egal.

Das war einmal anders. Als der Sender Viva noch Musikvideos zeigte, irgendwann in den 90er Jahren, tauchte dort Heike Makatsch auf und revolutionierte die Art des Moderierens auf eine völlig unspektakuläre Art und Weise. Was viele damals nett, unverkrampft und mädchenhaft nannten, war in Wirklichkeit Haltung. Haltung zum Leben, zum Fernsehen, zu dem Job, den sie da tat. Im Rückblick scheint es nur logisch, dass Makatsch heute eine der besten deutschen Schauspielerinnen ist, etwas zu sagen hat und eine der wenigen in ihrer Liga ist, die internationales Format hat. Was bei Makatsch Haltung war, verkam bei allen, die nach ihr folgten, zur Attitüde, zu weniger als zu einer billigen Kopie der Frau, die das Moderieren im Musikfernsehen erfunden hat. Die Mädchen, die mit ihr gestartet sind, sind zu Recht vergessen. Die, die heute ihren Sendeplatz haben, werden vergessen sein.

Die andere Frau, die Anfang der 90er Jahre Hoffnung auslöste, war Bettina Rust. Die moderierte bei Premiere „0137 Night Talk“, nachts, in einem Hochhaus über den Dächern von Hamburg, eine Anrufsendung, die der Bezahlsender unverschlüsselt ausstrahlte. Rust war eine Sensation. Sie rauchte, redete mit den Zuschauern, ohne dabei Verständnis vorzuheucheln, war schnell, smart und sexy. Und es bleibt eine Schande, dass Rusts Sendung „Talk der Woche“ bei Sat 1 vor zwei Jahren nach wenigen Folgen abgesetzt wurde.

Keine Schande, sondern korrekt war die Absetzung von Anke Engelkes Late-Night-Versuchen. Was passiert, wenn man zwar Talent, aber kein stimmiges Konzept hat, konnte man bei Engelke sehen. Die ist am besten, wenn sie nicht sie selbst ist, sondern Rollen spielt. Aber weil eine Late-Show von der Autorität und Authentizität ihres Gastgebers lebt und nicht von seiner Wandelbarkeit, ist Engelke damit gescheitert. Sie konnte das Format nicht füllen, obwohl sie mehr kann als manch anderer. Timing, Witz, Schläue – all das hat die Frau, die das Fernsehmachen bereits als Jugendliche im Ferienprogramm des ZDF gelernt hat. Was sie nicht hat, ist ein Gespür für die richtigen Formate und Leute, die ihr sagen, wo ihre Grenzen liegen.

Aber es scheint fast so, dass Frauen, deren Sendungen abgesetzt werden, weniger zur Selbstkritik, als eher zur Selbstüberschätzung neigen. Das aktuellste Beispiel ist Charlotte Roche. Anfang des Jahrzehnts wurde sie gefeiert für Art und Weise ihrer Moderationen auf dem Musiksender Viva 2. Roche war frech, unangepasst und spielte die bessere Musik – so wurde sie zu einem Medienliebling und zu einer Medienhoffnung. Aber die, die sie feierten, sahen die Probleme nicht: Roches Moderationsstil war totaler Zeitgeist – der damals vielleicht passte. Sie schockte, dabei langweilt ja nichts so sehr wie der ständige Versuch zu schocken. Außerdem hatte Roche eine Redaktion hinter sich, und möglicherweise wurden dort Texte geschrieben, die Roche dann aufsagte, was überhaupt nicht schlimm wäre, wenn Roche nicht dauernd so große Stücke auf ihre Authentizität gelegt hätte. Irgendwann tauchte Roche im Musikfernsehen nicht mehr auf. Auf Arte moderierte sie die Sendung „tracks“. All das hielt ihren Mythos aufrecht. Obwohl sie nicht schreiben kann, schrieb sie das Buch „Feuchtgebiete“, und nachdem das vor allem von älteren Männern gefeiert wurde, und weil sie darin auf jeder Seite schockt, ist es ein unfassbarer Erfolg. Das Buch ist allerdings nichts weiter als die Fortführung ihres Moderationsstils: Ich sprech’ jetzt mal aus, was sich keiner traut. Angeblich redet sie gerade mit 3sat über eine neue Sendung.

Sarah Kuttner hat immer noch eine Sendung, das wissen nur ganz wenige. Bei Sat 1 Comedy moderiert sie „Slam Tour mit Sarah Kuttner“. Außerdem macht sie was im Radio mit ihrem Vater Jürgen. Demnächst gibt ihr die ARD eine Chance, sonntags kurz vor Mitternacht. Kuttner begann zur gleichen Zeit wie Roche im Fernsehen, sie verschwand nur etwas später. Beide profitierten von einer Sehnsucht nach etwas Jungem, Frischem, Anderem – und natürlich von der Sehnsucht nach Frauen, die mal den Männern zeigen, was im Fernsehen alles möglich ist. Vieles war möglich, es hat halt nur nicht funktioniert. Es hat nicht funktioniert, weil „Personality“ und Jugendlichkeit eben nicht reichen, um ganze Sendungen zu füllen. Und wenn man dann, wie Charlotte Roche jetzt in einem der gefühlten 800 Interviews zu ihrem „Skandal“-Roman liest, sie habe sich von den Sendern, für die sie gearbeitet hat, immer im Streit getrennt, dann scheint da etwas nicht ganz zu stimmen. Dann wirkt das nämlich wie: Ich hab’ immer recht, und alle anderen sind Idioten.

Aber gibt es nicht auch ein bisschen Anlass zur Hoffnung? Und heißt diese Hoffnung nicht Heidi, sondern Johanna Klum? Als sie vor einigen Jahren bei MTV auftauchte, war das nicht unbedingt ein Anlass zur Hoffnung. Sie schien wie eine schlechte Kopie von Roche und Kuttner, beendete ihre Sätze mit einem „nä“ und versuchte mit Kleinmädchencharme zu punkten. Aber Klum ist lernfähig. Während Eckes eine Redakteursausbildung hat, lernte Klum als Mitglied der Girl-Group Samajona anscheinend einiges über die Austauschbarkeit des Showgeschäfts und über die eigene Lernfähigkeit. Und seitdem sie von Stefan Raab für seine TV-Total-Event-Ableger gebucht wird, scheint sie zu wachsen. Ihr Stil wirkt professioneller, ihr Auftreten sicherer. Wenn sie jetzt nicht denkt, dass sie das Fernsehen erfunden hat oder die Zukunft des Fernsehens ist, dann könnte sie tatsächlich so etwas wie eine Hoffnung darstellen.

Damit sich diese Hoffnung erfüllt, sollten allerdings auch die, die bei den Sendern Verantwortung tragen, Mut zum Experiment haben, Klum und Eckes mal ein Format geben, mit dem sie scheitern können – aber nicht müssen. Und das könnte das wahre Problem werden: Die Verantwortung tragen zumeist Männer. Und deren Talent sieht man leider immer, wenn man den Fernseher anschaltet.

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