Medien : Hapes Welt

Kerkeling auf allen Kanälen: mal verkleidet, mal reinkarniert. Ein Porträt in der ARD

Martin Halter

Hape Kerkeling hat schon viele Reinkarnationen erlebt: Er war Königin Beatrix und Maria Hellwig, die Paartherapeutin Efje van Dampen und der rasende Reporter Horst Schlämmer. Jetzt will der populärste Komiker Deutschlands auch noch ein polnischer Mönch im Widerstand gewesen sein, der von deutschen Soldaten erschossen wurde. Das „Seelengeständnis“ hat nicht nur „Bild“Leser und Rückführungstherapeuten elektrisiert. Sein Buch über den Jakobsweg hat er damit an die Spitze der Bestsellerlisten katapultiert. Ein +PR-Gag? Begreift er das ganze Leben nur als Show? Wie ernst meint es Kerkeling mit seiner esoterischen Seite?

Neuerdings spricht er so eindringlich über seine „sehr persönliche Begegnung mit Gott“, als sei ihm der Allmächtige bei „Hape trifft!“ über den Weg gelaufen. Tatsächlich muss ihm vor fünf Jahren, als er sich nach Gallensteinoperation und Hörsturz auf den langen Jakobsweg zu sich selbst machte, Derartiges zugestoßen sein. In den Pyrenäen traf ihn ein „riesiger Gong“, der bis heute in ihm nachhallt.

Die Reinkarnation kommt nicht aus heiterem Himmel. Von Anfang an war Kerkeling ein Grenzgänger zwischen dem Hohen und Niedrigen, bodenständigem Ruhrpottwitz und kritischer Selbstreflexion. Sein Harmoniebedürfnis ist ausgeprägt genug, um auch diese Welten zusammenzuzwingen. „Alle sollen sich bitte vertragen“, sagte Kerkeling in einem Interview. „Es muss doch möglich sein, in Ruhe und Freundschaft die Dinge zu klären.“ Selbst wenn er als Agent provocateur Prominenten und Passanten auf den Leib rückt, wirkt es nie aggressiv oder herablassend. Horst Schlämmer, der Enthüllungsjournalist vom „Grevenbroicher Tagblatt“, hat zwar jede Frau begrabscht und „immer janz dicht dran knallhart nachjefracht“; aber bevor es zum Äußersten kommt, stolpert er immer ins Fettnäpfchen. Kerkelings resolute Politesse faltete erst einen Parksünder zusammen und ließ sich dann zu Tränen rühren: Man ist ja Mensch und hat „doch auch nur Nerven“.

Kerkeling will nicht entlarven, nur spielen, versöhnen, nicht spalten, und lieber Gutes tun als das Böse verhöhnen. Dass er den ersten seiner zahlreichen Preise als politischer Kabarettist bekam, war ein Missverständnis. Er will keine Denkzettel verteilen, nur „komische Zustandsbeschreibungen“ liefern, als Schauspieler, Regisseur und notfalls auch als Nostalgieshow-Moderator. Im komischen Fach macht ihm niemand etwas vor: In den letzten Fernsehwochen hat er Günther Jauch entthront, Elke Heidenreich an die Wand geredet und nebenbei noch leidlich galant Heide Simonis’ Tanzstunde begleitet.

Die Politiker nehmen die Undercover-Komiker, die sie in Verlegenheit bringen wollen, mittlerweile mit Routine; Kommunikationsberater haben ihnen empfohlen, die Verarschungsversuche als Chance zu begreifen. Auch der Mann auf der Straße hat schon zu viele versteckte Kameras und verkleidete Comedians gesehen, um sich noch ins Boxhorn jagen zu lassen. Es ehrt Kerkeling, dass er das Wegbrechen seiner Geschäftsgrundlagen mit kritischer Sympathie verfolgt. Vor Jahren war es noch ein erschreckend leichtes Spiel, die Deutschen zu verunsichern; heute lassen selbst arglose Rentner die Witzmaschinen geistesgegenwärtig ins Leere laufen. Für Kerkeling ist der Siegeszug der Spaßgesellschaft ein gutes Zeichen. „Kein Pardon“, wie sein Filmdebüt 1993 hieß, würde er heute nicht mehr geben. Damals sang er im Duett mit Heinz Schenk vom „Blauen Bock“ das Lied „Witzischkeit kennt keine Grenzen“. Hat sie aber. Kerkelings Vorbild ist der höflich-distinguierte Loriot, nicht der brachiale Bembelhumor.

Ein weiches Herz voller Barmherzigkeit ist für einen Komiker gefährlich. Kerkeling balanciert immer hart am Rande von Gemütlichkeitskitsch und Schwiegermutterwitz, und manchmal – etwa mit „Warmumsherz“ – stürzt er auch ab.

Im Grunde ist der Mann aus Recklinghausen trotz seiner 46 Jahre immer noch Hannilein, das nervtötende Vorschulkind aus „Kerkelings Kinderstunde“: ein fröhlich-frecher Wonneproppen, der die Welt der Erwachsenen mit ungläubigem Staunen betrachtet. In der „höchstpersönlich“-Reihe gibt er heute Claudia Müller Auskunft über seine Anfänge als Klassenclown, seinen Arbeits- und Lebensgefährten Angelo Colagrossi und seine religiöse Kehre. Was er Johannes B. Kerner im ZDF über das Leben nach dem Tode verriet, gilt offenbar schon für seine derzeitige Inkarnation: „Da kommt noch was.“ Aber ehe man ihn am spirituellen Rockschoß fassen kann, ist er wieder mal weg. Hätten wir unsere Macken nicht, schreibt der Pilger, „wären wir alle wandelnde Götter“.

„Höchstpersönlich: Hape Kerkeling“, ARD, 14 Uhr 03

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