"hart aber fair" : Je später der Abend

Am Mittwoch geht Frank Plasbergs Polittalk zum 100. Mal im Ersten auf Sendung – aber alle reden darüber, was wird, wenn Günther Jauch kommt.

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Marktführer. Seit Oktober 2007 moderiert Frank Plasberg „hart aber fair“ im Ersten, mit knapp 15 Prozent Marktanteil die beliebteste unter den politischen Gesprächsrunden im Fernsehen. Nun wird der bisherige Sendeplatz am Mittwochabend infrage gestellt.Foto: WDR
Marktführer. Seit Oktober 2007 moderiert Frank Plasberg „hart aber fair“ im Ersten, mit knapp 15 Prozent Marktanteil die...Foto: ARD/Marco Grob

Feierstunde in der ARD. Frank Plasberg ist mit seinem Polittalk „hart aber fair“ am kommenden Mittwoch zum 100. Mal auf Sendung im Ersten. Dafür räumt die Programmdirektion ihrem Starmoderator und interessierten Journalisten in einem renommierten Berliner Hotel eine Fragestunde ein.

Plasberg ist gefragt, kein Zweifel, was nicht nur am Jubiläum und an der Popularität seines Talks liegt, sondern auch damit zu tun hat, dass in einem Gespräch mit Frank Plasberg oder ARD-Granden überhaupt immer der Name eines Mannes mitschwingt, der bald den Polittalk im Ersten aufmischen soll: Günther Jauch.

Günther Jauch? Wahrscheinlich hört Plasberg den Namen an diesem Nachmittag zum x-ten Mal. Und antwortet zum x-ten Mal: „Es gibt keinen Moderator in Deutschland, der so beliebt ist, ohne gleichzeitig beliebig zu sein. Und er ist ein guter Journalist.“ So jemanden an Bord zu holen, das sei toll fürs ganze System ARD. Das klingt zunächst mal glaubhaft, auch wenn man sich nicht vorstellen kann, dass der Moderator seine Rolle als Marktführer unter den politischen Gesprächsrunden in Deutschland so einfach abzugeben gedenkt.

Die eher maue „hart aber fair“-Ausgabe vom vergangenen Mittwoch zum Thema Sicherheitsverwahrung hatte zehn Prozent Marktanteil. Die Jahresquote liegt bei 3,68 Millionen Zuschauern, Marktanteil 14,7 Prozent, ein Plus von zwei Prozent gegenüber 2009. „Wir sind Marktführer.“ Das spricht Plasberg ganz genüsslich langsam aus, lehnt sich im Sessel zurück. Dabei seien sie vor drei Jahren auf dem Sendeplatz am Mittwochabend ja eigentlich zum Sterben hingeschickt worden. „Der damalige ARD-Programmdirektor unkte: Die werden einstellig bleiben, in den Marktanteilen. Und nun: vom Underdog zum Platzhirsch, das hätte ich nicht gedacht.“ Plasberg sagt, der Sonntag wäre der komfortablere Sendeplatz gewesen.

Diesen komfortablen Platz kriegt nun Günther Jauch, im zweiten Anlauf. Nachdem Jauch die angebotene Position 2007 abgelehnt hatte, wählten die ARD-Chefs Anne Will zur Nachfolgerin von Sabine Christiansen für einen Polittalk am Sonntagabend. Der hoch gehandelte Frank Plasberg wechselte im Oktober 2007 mit „hart aber fair“ vom WDR ins Erste und etablierte das Format am Mittwoch um 21 Uhr 45, wo er sich gegen starke Konkurrenz wie Fußball-Champions-League behaupten muss.Nun ist dieser Sendeplatz im Zuge einer Programmreform infrage gestellt. Sie sieht vor, die „Tagesthemen“ einheitlich um 22 Uhr 15 zu senden. Zuletzt war zu hören, dass die ARD deshalb eine Vorverlegung von Plasbergs Talk auf 20 Uhr 15 in Erwägung zieht.

Dabei sagen Kritiker, dass das Format an Drive verloren hätte. Die Eitelkeit des Moderators sei auch öfters im Spiel. Richtig nachvollziehbar ist das nicht, vor allem, wenn man sieht, zu welchen Leistungen „hart aber fair“ imstande ist. Die Sendung zu Scientology Ende März zählt auch Plasberg zu den Höhepunkten. 7,4 Millionen Zuschauer, 28,3 Prozent Marktanteil. Die beste Quote aller bislang 99 Sendungen. „Dabei war die Aufgabenstellung eigentlich fahrlässig. Nach einem Fiction-Stück harten Journalismus zu machen, bei dem schwierigen Thema.“ Wider Erwarten sagte ein Scientologe als Gast zu. „Und dann passierte zehn Minuten vor der Sendung der Super-Gau: Mein Touchscreen war ausgefallen. Ich konnte nicht, wie üblich, meine Einspielfilme in beliebiger Reihenfolge abrufen. Ich hatte wirklich Angst, mir zitterten die Knie.“

Angst scheint dem 53-Jährigen, der als freier Journalist bei der „Rheinischen Post“ begann und über ein Volontariat bei der „Schwäbischen Zeitung“, einem nach 17 Semestern abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaften, Politik und Pädagogik, als Moderator der WDR-Sendung „Aktuelle Stunde“ beim Fernsehen landete, eher wesensfremd zu sein. Sie würde sich auch nicht gut machen, bei seinem „Baby“, dem Konfrontationstalk „hart aber fair“, den Plasberg 2001 innerhalb weniger Wochen auf die Beine stellte. Eine Diskussion mit fünf zumeist hochrangigen Gästen um ein aktuelles „Reizthema“, bei dem die Zuschauer in die Lage versetzt werden sollen, die Argumente der von Wahlkampfparolen und Ideologien geleiteten Politiker auf Stichhaltigkeit abzuklopfen. Darauf war in der Form noch keiner gekommen.

Ob er oder die Show sich in drei Jahren mit dem neuen Sendeplatz und dem Erfolg verändert hätten? Plasberg überlegt länger, erstmals bei dieser Feierstunde. Er habe vielleicht noch weniger Haare vom Raufen über Themen und Gästen bekommen, sei wohl auch gelassener geworden. „Ich muss nicht mehr aus jeder Nummer ein Verhör machen.“ Eine Hoffnung habe sich mit dem Sprung ins Erste und der größeren Quote nicht erfüllt: Dass es leichter sei, an Gäste zu kommen. „Der Kampf um Gäste ist schärfer geworden, das grenzt an Gäste-Kannibalismus.“ Damit zurück zu Günther Jauch, der großen Konkurrenz. Ein neuer Kannibale? „Mich hat noch niemand zum Bundespräsidenten vorgeschlagen. Ich bin da aber absolut neidfrei, freue mich auf Jauch.“ Er funktioniere immer dann gut, wenn er jemanden als Konkurrenten habe, der seinen Job richtig gut macht. Er beneide Jauch allerdings nicht darum, was dieser vor sich habe: Er müsse mindestens das Rad neu erfinden. „Die Erwartungen sind so groß, das man sie fast gar nicht erfüllen kann. Dass muss nicht alles in der ersten Sendung stecken, Erfolg braucht auch ein bisschen Zeit.“

Das klingt am Ende doch ein bisschen nach diplomatischem Dienst. Mehr fair als hart. Aber okay. Und Plasbergs Sendeplatz am Mittwochabend? Wenn die „Tagesthemen“ um viertel nach zehn kommen, wo soll „hart aber fair“ hin? Vielleicht möchte der ARD-Primus der ARD auf diesem Wege noch was mitteilen. Oder mitteilen lassen. Plasberg habe eine erfolgreiche politische Sendung etabliert. Müsste diese Sendung nach den „Tagesthemen“ beginnen, sähe sie anders aus, sagte unlängst ZDF-Programmchef Thomas Bellut. Plasberg lächelt. Wenn Bellut das sagt. „Der Mann hat recht. Ich glaube, das weiß man in der ARD. Ich mache mir da keine Sorgen. Eine Sendung mit einem solchen Zuschauerzuspruch und einer solchen Bindung wird einen guten Sendeplatz bekommen.“ Um 22 Uhr 45 werde sie nicht funktionieren.

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