Helmut Kopetzky : Ein Radiomann und seine Leidenschaft

Er gilt als Meister des Radio-Features. In einem Buch blickt Helmut Kopetzky jetzt auf sein Radiomachen zurück – und kritisiert die „Kakophonie“ des Internetzeitalters.

Christian Deutschmann
Das „Ich“ im Radio. Der langjährige Feature-Autor Helmut Kopetzky Foto: rbb
Das „Ich“ im Radio. Der langjährige Feature-Autor Helmut Kopetzky Foto: rbbFoto: rbb/Jan Kopetzky

So schwammig (und unübersetzbar) der Begriff ist, so hartnäckig hat sich das Feature im Programm der Radio-Kulturwellen gehalten: jene Mischform von Reportage, Essay und Dokumentation, die uns allwöchentlich auf festen Sendeplätzen begegnet, von Quoten wenig wissen mag, doch von den wohl heißesten Insider-Debatten unter allen Medien-„Formaten“ begleitet wird. Auch dokumentarisches Radio (kurz: Radiodok) genannt, ist das Feature oft näher dran an seinen Objekten als jede TV-Dokumentation. Kein Wunder: Der geringe Geräte-Aufwand bringt Distanzen schnell zum Schmelzen und Autoren, oft allein mit Mikro und Rekorder, können sich ungehemmter ausleben.

Einer der Bedeutendsten seines Metiers ist der Feature-Autor Helmut Kopetzky. Aus dem Hessischen stammend gehört er zu den Vertretern jener „Berliner Schule“, die in den siebziger Jahren das „akustische Feature“ hervorbrachte, eine Art Schreiben mit dem Mikrofon. Anders und mit Kopetzkys Worten ausgedrückt „die dramaturgisch wirkungsvolle Darbietung dokumentarischen Materials durch den Einsatz aller radiophonen Ausdrucksmittel“. So hat es dieser Radiomann fast lebenslang gehalten: mit Reisen quer über die Kontinente, stets eine Tonausrüstung dabei, die mit fortschreitender Digitalisierung immer leichter wurde; und mit tagelangen Sitzungen im Studio, wo die gewonnenen Original-, also O-Töne letzten Schliff und kompositorische Fassung erhielten.

Vier Jahre leitete er die Featureabteilung beim SFB (heute RBB), um dann festzustellen: „Ich bin kein Redakteur und werde nie einer werden“. Der Grund: Kopetzky war und ist zu sehr „Ich-Autor“, um sich nur noch mit Macharten und Handschriften anderer zu befassen. Darüber, über „Radio in der ersten Person“, hat er jetzt ein Buch veröffentlicht, das Werkbiografie, Bekenntnisschrift und Werkstattbericht zugleich ist. Es ist von Wehmut getränkt, denn der „Radio-Dino“, der nicht nur zu „machen“, sondern auch darüber zu reflektieren versteht, beklagt hier eine „Kakophonie des vernetzten Zeitalters“, welche die „große Form im Radio“ – neben dem Feature auch das Hörspiel – zunehmend an den Rand dränge. Da schleicht sich auch mal Plakatives ein wie der Tadel an jener „Spaßgesellschaft“, die weder Ernst noch längere Sendestrecken mehr vertrage.

Doch seine ausführlichen Werkberichte sind fesselnd genug, die „Triebfeder Neugier“ verstehen zu machen, die ihn wie seine großen Vorbilder Egon Erwin Kisch und Ernst Schnabel auf viele Schauplätzen dieser Welt drängte. Als Altachtundsechziger stürzte er sich gerne auf einst so heiße Themen wie Kalter Krieg oder Nato-Doppelbeschluss, lernte aber auch, das „hinter dem einzelnen Stück deutlich erkennbare Autoren-Ich“ zu entdecken und zu pflegen. Davon und von der Genauigkeit, die der Umgang mit Ton und Sprache verlangt, erzählt das Buch in einer assoziativen, von Gedankensprüngen durchzogenen Bauart. Für Spezialisten des Genres wie für interessierte Laien eine gleich lohnende Lektüre. Christian Deutschmann

Helmut Kopetzky, „Objektive Lügen – Subjektive Wahrheiten. Radio in der Ersten Person“, 379 Seiten, Edition Octopus, 18 Euro

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