Medien : Hitlers kleine Profiteure

„Einsteins Boot“: Ein Film über Schnäppchenjagd im Nazi-Reich

Thomas Gehringer

Die Nazis hielten auf ihre Ordnung. Als in der Pogromnacht vom November 1938 ein jüdisches Landschulheim in Caputh gestürmt wurde und manch einer aus dem Dorf Kleider und Geschirr mitgehen ließ, da schritt die Staatsmacht ein. Naja, jedenfalls forderte sie dazu auf, das Diebesgut an einen bestimmten Ort zu bringen, damit es erst einmal ordentlich verwaltet und dann eventuell versteigert werden konnte. Nein, das Stehlen sollte „vom Staat legalisiert, abgesichert, geregelt und effizient organisiert“ werden, wie Heinrich Billstein in seiner ARD-Dokumentation „Einsteins Boot“ (heute um 21 Uhr 45) bemerkt.

Es sind grausige Geschichten, die der Autor da in 45 Minuten erzählt. Geschichten davon, wie das Recht durch den Staat selbst ins Gegenteil verkehrt wird. Und wie Staatsbürger und Staatsbürgerinnen die Chance ergreifen, aus dem legalisierten Unrecht Profit zu ziehen. Das Eigentum der drangsalierten, schließlich in die Tötungsfabriken deportierten Juden wechselte bei Notverkäufen, Versteigerungen und Plünderungen massenhaft die Besitzer.

„Jetzt kann jeder ein Schnäppchen machen“, kommentiert Billstein in einem leider treffenden Anflug von Zynismus: Die Menschenjagd wurde von einer Schnäppchenjagd begleitet. „Man musste diese schleichende Entrechtung mitvollzogen und akzeptiert haben, so dass man jetzt an dieser Stelle nicht zusammenzuckte“, erklärt Hilde Schramm von der Berliner „Stiftung Zurückgeben“. Sie plädiert dafür, „das Unrecht nicht zu tradieren“ und das Erbe, in ihrem Fall wertvolle Gemälde, nicht anzunehmen, bzw. zurückzugeben.

Doch Billstein hält kein filmisches Plädoyer, er formuliert keine plakative Anklage, nein, der Autor blättert einfach in einigen Akten, schildert fünf Beispiele und versieht sie allenfalls mit lakonischen Kommentaren, die dem Zuschauer Raum zum eigenen Nachdenken lassen. „Jetzt ist auch Einsteins Segelboot arisch“, spottet Billstein, und man möchte lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Die Nationalsozialisten versteigerten auch den Besitz des in die USA emigrierten Nobelpreisträgers Albert Einstein. Seinen Jollenkreuzer erstand ein Zahnarzt für 1300 Reichsmark. Der Mann war offenbar kein Nazi, doch um seinem Angebot den notwendigen Nachdruck zu verleihen, wies er darauf hin, dass er Frontsoldat, Vater, verheiratet und Arier sei. Das wirkte offenbar. Die Spur von Einsteins Boot konnte übrigens auch Billstein nicht mehr aufnehmen.

Zuweilen gönnt sich der Autor boshafte Spitzen: Den Fall von Albert Joel, der vom eifrigen Bürgermeister sowie von Vertragspartner Salamander aus seinem Schuhgeschäft im brandenburgischen Jüterbog gedrängt wurde, rahmt Billstein mit lustigen Lurchi-Bildergeschichten ein. Und die antisemitischen Briefe eines Arztes aus Falkenberg, der sich rühmt, „13 Jahre lang einen sehr schweren Kampf gegen einen sehr gewandten, mit allen Mitteln arbeitenden typischen Juden geführt“ zu haben, nur um die Patienten für sich allein zu haben, unterlegt der Autor mit Bildern vom schönen Oderbruch. Heimatklänge einmal anders, von Idylle kann hier keine Rede sein.

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