Hörfunk : Laute Welle

Seit drei Jahren sendet Motor FM – und zeigt, wie Radio jenseits des Einheitsgedudels funktioniert.

Yoko Rückerl

Die Brunnenstraße in Berlin Mitte, ein Hinterhof, vierter Stock, 500 Quadratmeter Altbau, Schreibtische, mit Magazinen, CD’s und Kaffeetassen überladen, Konzertposter an den Wänden, junge Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren oder dem Telefonhörer in der Hand.

Markus Kühn kommt einem entgegen, fester Händedruck, „Kaffee?“. Wir sind bei Motor FM, Frequenz 100,6, dem Radiosender für Rock- und Independent-Musik. Gerade ist er drei Jahre alt geworden. Geschäftsführer Kühn teilt sich mit Partnerin Mona Rübsamen einen Raum, ein paar Schritte weiter arbeitet Tim Renner. Der ehemalige Universal-Music-Chef ist neben Kühn und Rübsamen dritter Geschäftsführer von Motor FM. Der Sender ist ein Sammelbecken für Musikliebhaber. Wie die meisten der rund dreißig Mitarbeiter bei Motor FM arbeiteten die drei Geschäftsführer bereits bei großen Musikunternehmen. „Wir haben die goldenen Zeiten erlebt“, sagt die 42-jährige Rübsamen, die lange bei MTV als Programmverantwortliche angestellt war. Kühn arbeitete als Marketingleiter bei Universal Music.

Auch, weil sie keine Lust mehr auf kommerzielle „Mainstream-Musik“ hatten, haben die drei mit Motor FM einen alternativen Radiosender entwickelt. Er gehört jeweils zu 50 Prozent der Marketingagentur M2M von Rübsamen und Kühn sowie Renners Motor Entertainment GmbH. Ihr Anspruch: Ein Musikprogramm jenseits des Gedudels vieler anderer Sender. „Wir spielen wirklich nur, was uns gefällt“, sagt Silke Super, Moderatorin bei Motor FM. „Das ist die größte Freiheit, die man im Musikgeschäft haben kann“, so die ehemalige MTV-Musikchefin.

Am 1. Februar 2005 um 18 Uhr 48 ging Motor FM das erste Mal auf Sendung. Im Programm: Alternative-, Independent-, Punk- und Elektro-Musik, Musiker wie die Stereophonics, The Black Lips oder Pete Yorn. Im Radio ist der Sender in Berlin, Brandenburg und Stuttgart zu empfangen, über die Internetseite www.motorfm.de weltweit. Rund 300 Titel laufen am Tag, durchschnittlich 14 Titel in der Stunde. „Wir haben eine Playlist von über 8000 Titeln“, sagt Kühn. 104.6 RTL oder Radio Energy, zwei Radiosender, bei denen ein Hit gefühlte hundert Mal am Tag wiederholt wird, verraten erst gar nicht, wieviele Lieder sie im Programm haben. Brancheninsider schätzen, dass bei vielen Privatsendern gerade mal 150 Titel in der Rotation laufen.

Mona Rübsamen zeigt auf die Stereoanlage im Konferenzraum. „Hier diskutieren wir, was wir spielen und was nicht“, sagt sie. Die Moderatoren spielen in ihren Sendungen also oft Musik, die sie selbst mögen – musikalischer Einheitsbrei kann so erst gar nicht entstehen.

Motor FM versteht sich als Talentsucher, ist bekannt dafür, Nachwuchsmusiker wie die Sängerin Soko zu entdecken. Wer bei Motor FM läuft, dem wird musikalisches Können attestiert. Silke Super: „Es gibt Musiker, die rufen schon mal an und fragen, wann sie zum Interview kommen können.“ Auch, weil die Bands das Gefühl hätten, nicht mit Moderatoren, sondern mit Musikern zu sprechen. „Wir hören uns ein Album an, bevor wir ein Interview machen.“ Musikredakteure wie Ueli Haefliger oder der Motor FM- DJ Max Spallek suchen jeden Tag stundenlang auf Internetseiten nach neuester Musik, frischen Künstlern oder basteln an Projekten wie der „Auslandsspionage“, einer Kooperation mit zwei Radiosendern aus Los Angeles und Großbritannien. Der Wortanteil bei Motor FM liegt bei knapp 40 Prozent. In den Reportagen und Interviews geht es nicht nur um Musik, sondern auch um Politik und Kultur. Der Sender hält Kontakt zu iranischen Bloggern, berichtet von der Berlinale.

Zielgruppe von Motor FM sind Musikliebhaber ab 25. 16 000 Hörer erreicht der Sender laut Media-Analyse 2007 in der Stunde. Kühn verweist aber darauf, dass viele der jungen Zuhörer bei solchen Erhebungen nicht erreicht werden: „Viele junge, aktive Menschen, die uns hören, sind ständig unterwegs und haben nur noch Handys. Bei der MA-Befragung werden die Leute aber zuhause auf dem Festnetz angerufen.“

Motor FM finanziert sich über Werbung und Marketingkooperationen. „Wenn sich eine Marke glaubwürdig und ernsthaft für Musik engagiert, habe ich kein Problem damit, das nicht auch bei uns stattfinden zu lassen“, sagt Kühn. Das „Download“-Geschäft kommt ebenfalls dazu. Wer bei Motor FM ein Lied hört, das ihm gefällt, kann es sich auf der Homepage für rund einen Euro – je nach Länge des Titels – herunterladen. Spontaneität und Unberechenbarkeit sind das Erfolgsrezept des Senders. Zum Geburtstag des Papstes sendete Motor FM die Morgensendung auf Latein. Und danach gab’s Musik von Rammstein. Yoko Rückerl

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