Horch und Guck : Westgute und Ostböse

Demonstration statt Differenzierung – die ZDF-Doku „Im Netz der Stasi“.

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Wissen, worauf man sich einlässt. Rosel Staudte (Bettina Zimmermann) in einer Gaststätte bei einem Beobachtungseinsatz für die Stasi. Foto: ZDF
Wissen, worauf man sich einlässt. Rosel Staudte (Bettina Zimmermann) in einer Gaststätte bei einem Beobachtungseinsatz für die...Foto: Julia Terjung

Einiges macht ratlos an diesem Beitrag des ZDF. „Im Netz der Stasi“ klingt für eine ernsthafte Produktion zugleich zu reißerisch und zu naiv. „Stasi“ hat heute überhaupt einen falschen Klang. In der DDR war die groteske Vertraulichkeit des Wortes ironisch gemeint; sie war wie die anderen Bezeichnungen – „die Firma“ oder „Horch und Guck“ – Ausdruck der eigenen Souveränität gegenüber denen, denen man doch ausgeliefert war. Wohin ist diese Souveränität heute? Haben wir sie erreicht im Umgang mit der Erinnerung? Hat sie der Regisseur von „Deckname Annett – Im Netz der Stasi“ erreicht?

Zu Beginn dieser Doku geht es um den Leipziger Besitzer eines Elektroladens 1951, der für die Amerikaner spioniert. Das wären, gleich am Anfang, schon mal zwei Geheimdienste. Oder sollen wir uns sagen: Militärspionage für die USA ist gut, ist gewissermaßen Spionage für die Freiheit, und deshalb ist es auch doppelt mies von der Staatssicherheit, den Spion der Freiheit auszuspionieren?

Menschen, die die DDR kannten, weisen einige Unverträglichkeitsreaktionen auf, etwa gegen jede Art von Agitation und Propaganda. Die DDR hat sich immer viel Mühe gegeben mit ihren Spionagefilmen (berühmt: „Das unsichtbare Visier“ mit Armin Mueller-Stahl als ostdeutscher James Bond), ja, die frühen DefaFilme handelten mit Vorliebe von den bösen Spionen und Schiebern aus dem Westen. Das alles war nicht frei erfunden, nur ein bisschen arg vereinfacht, „damit unsere Menschen es auch verstehen“. Ist der Wiederholungsfall ein angemessener Beitrag zum 20. Jubiläum der deutschen Einheit?

Da ist also der Elektrohändler in amerikanischen Diensten Kurt König, dessen Angestelltem Gerhardt Staudte nicht verborgen bleibt, dass sein Chef sich neben dem Elektrofachhandel noch anderen Dingen widmet. Nach Königs Verhaftung 1952 wird auch sein Angestellter mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und eingesperrt. Zurück bleiben seine Frau Rosel und beider gerade drei Monate alter Sohn. Diese Rosel ist die eigentliche Heldin der Dokumentation von Roland May, in der Gespräche mit ihr und ihrem Mann, Aussagen von Sachverständigen und Spielszenen sich abwechseln.

Es gibt misslungenere Beispiele dieses Mischgenres. Die Spielszenen bleiben aufs Illustrative beschränkt, doch ist die Gesamtkomposition nicht lieblos und Schauspielerin Bettina Zimmermann ist gut in ihrer immer wieder unterbrochenen Rolle.

Ja, von dieser Frau, von ihrem Schicksal darf man erzählen aus dem deutsch-deutschen Anlass. Ohne dass sie irgendeine Schuld träfe, sitzt ihr Mann im Gefängnis mit Aussicht auf zwölf Jahre. Freunde und Bekannte ziehen sich zurück. Mit einer, deren Mann im Staatssicherheits-Gefängnis sitzt, ist man besser nicht zu vertraut. Am Ende beargwöhnen sie sogar ihre eigenen Eltern und Geschwister. In solche Höllen fällt eine aus dem heiteren Himmel einer jungen Liebe heraus und ohne Vorwarnung! Der West-Kontaktmann Königs meldet sich bei ihr ebenso wie die Staatssicherheit. Die junge Sächsin wird, was sie kurz zuvor wohl noch für einen schlechten Scherz gehalten hätte – Doppelagentin. Die Geheimdienste sind gewissermaßen ihre letzten Sozialkontakte, wie man das heute formulieren würde.

Autor und Regisseur Roland May nimmt einiges von dieser Dramatik, indem er sie in einem etwas einfältigen Geschichtsbild erdet. Und in die Zeitsituation muss er sie natürlich stellen, denn genau das ist das Erschütternde, heute kaum mehr Vorstellbare: wie unmittelbar der Großkonflikt einer Epoche das Leben einer einfachen, unbeteiligten Frau zum Schauplatz wählt. Und natürlich auch, wie hart die DDR in den Fünfzigern strafte. Der Agent Kurt König ist hingerichtet worden. Nur weiß, wer Militärspionage begeht, eigentlich immer, auf was er sich einlässt.

Es gehört zu den Indikatoren des schwindenden historischen Sinns, dass kein Unterschied mehr gemacht wird zwischen der frühen DDR, der mittleren und der späten. Unrechtsstaat bleibt Unrechtsstaat und Kampf für die Freiheit bleibt Kampf für die Freiheit!? Was tatsächlich in den Fünfzigern gleich war, war der Hetzton westlich und östlich der Elbe. Das, was man die zivilisatorische Überlegenheit der alten Bundesrepublik nennen könnte, begann später. Und viele, die sie Anfang der Fünfziger weghaben wollten, waren in der Tat die kleinen und großen Nazis von gestern. Zuletzt: Das Skandalon war nicht, dass die Staatssicherheit auch ein Auslandsgeheimdienst war und sich gegen Militärspionage wehrte, sondern die einmalige flächendeckende Bespitzelung der eigenen Bürger.

„Deckname Annett – Im Netz der Stasi“, ZDF, 20 Uhr 15

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