Medien : Hund ist Hund, und Krause ist Krause

In Brandenburg ist die Krimi-Welt preußisch und bewusst provinziell. Warum der „Polizeiruf 110: Vor aller Augen“ des RRB trotzdem besticht.

Nikolaus von Festenberg
High Noon. Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Hauptmeister Horst Krause (Horst Krause) sind wild entschlossen, in der Westernstadt Spuren, wenn nicht Täter zu finden. Foto: RBB
High Noon. Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Hauptmeister Horst Krause (Horst Krause) sind wild entschlossen, in der...Foto: rbb/Conny Klein

So was von krampfhafter Sonntagsruhe. Die Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) absolviert gerade ihre selbstauferlegte Rolle als Teilzeitmutti, herzt ihr Kind, erstickt Annährungsversuche des vereinbarungsgemäß anwesenden Erzeugers aus Beziehungsraison. Preußischer kann man ein postfamiliäres Lebensmodell nicht exerzieren.

Doch eine noch höhere Pflicht stört. Lenski hat ihren Bereitschaftsdienst vergessen. In einer nahe liegenden Westernstadt, einer Amüsierstätte, in der man dem normalen Leben als Freizeitcowboy auf Zeit entkommen kann, hat es einen Zwischenfall gegeben.

Krause (Horst Krause), der Olga assistierende Polizeimeister, bringt der widerstrebenden Kommissarin den Einsatzauftrag. Da sehen wir, wie er naht, von Ferne auf dem Motorrad mit dem Beiwagen. Ohne üblichen Köter allerdings, denn der „hat sonntags frei“ (Krause). Dienst ist Dienst, und Hund ist Hund, und Krauses Welt ist Krauses Welt. Keine Fragen.

Die Teilzeitmutti verwandelt sich in die polizeiliche Vollzeitjägerin zurück. Gemeinsam geht es an die Krimifront. Donna Olga Quijota und ihr Sancho Pansa Horst fahren durchs eisnebelverfrorene Brandenburgische. Das putzige Polizistenpaar, die Blonde und der Dicke, kämpfen nicht für eine ritterliche Welt, sondern bloß für die schlichte Borussen-Devise: „Man darf schimpfen, aber jemand das Leben nehmen, das darf man nicht“ (Dialog). Jeht ja nu auch nich.

Klar, es gibt fetzigere Eröffnungen für einen Krimi. Es kann loskrachen wie bei Kommissar Tschiller (Til Schweiger), der mit seinem vorgeschalteten T nicht nur den Namen des Dichterfürsten verlängert, sondern auch dessen Werk um das Lied „Auf die Glocke“ erweitert hat. Es gibt – am vergangenen Sonntag zu sehen – einen Ermittler namens Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der von der ersten Szene als Mann an Jahren ein spätpubertäres Wehklagen erhebt, weil sein Kumpel nicht mehr mit ihm auf aushäusige Kaperfahrt nach Bösewichten geht, sondern den Innendienst wählt, weil seine Partnerin schwanger ist. Oder den Reifeverweigerer aus dem Saarland (Devid Striesow), der mit dem Helmharnisch auf dem Kopf an der sozial gebeutelten Wirklichkeit des Spielorts keck vorbeiknattert. Knäbische Glasperlenspiele, die nur um ihrer selbst willen da zu sein scheinen.

Und, ha, ha, es gibt die Münsteraner „Tatort-Juxbox“, es gibt einen besorgniserregenden Wutnickel aus Dortmund (Jörg Hartmann), einen Ermittler mit Tumordachschaden aus dem Hessischen (Ullrich Tukur), einen Rostocker Kommissar mit Unterweltsabstammung (Charly Hübner). Es ist herrlich, es ist schräg. Das Neue lebt. Die Avantgarde marschiert, und wir altes Zuschauereisen sollen uns an das Splittern der überkommenen Messlatten gewöhnen.

Jeht aber nich. Fast noch herrlicher als herrlich ist nämlich auch, dass es den ganz normalen Kriminalfilm trotzdem weiter gibt. Und wie. Gemeint ist das Bemühen, in den Ebenen der Realität die Feinheiten professioneller Beziehungen zu beschreiben. Das Langsame ist mindestens so bezwingend wie Tschillers Oden an die Freude über die Gewalt.

Was war der „Tatort: Wer das Schweigen bricht“ mit der scheidenden Conny Mey (Nina Kunzendorf) für ein ergreifendes Abschiedsfest, ohne alle grelle Effekte. Der Wotan-Altkommissar Frank Steier (Joachim Król) musste seine kämpferische Walküre (Kunzendorf) freigeben, er durfte nicht zu Wagnermusik klagen „Leb wohl, du himmlisches herrliches Kind“. Er durfte nur drucksen, in sich hineinfressen (bei ihm: saufen) und allen väterlichen Schmerz in den Blick der Augen legen. Und umgekehrt öffnete der Krimifilm der scheidenden Kollegin den Raum, ihre Wehmut zu zeigen. Zudröhnen ließ sich hier nichts.

Die konzentrierte Stille ist manchmal eben auch der Knaller. Und wenn am 12. Mai „Borowski und der brennende Mann“ läuft, wird man eine ähnlich feinsinnige Vater-Tochter-Vorgesetztenstudie zwischen Lüge und Zuneigung beobachten können, ohne dass in diesem „Tatort“ reines innerpolizeiliches Psychotheater geboten wird.

Es zeigt sich in solchen Produktionen auch, dass Frauenfiguren nicht recht gedeihen, wo männlich-pubertäre Eskapismus-Phantastik lärmt. Sie brauchen auch im Krimi Luft , um ihre natürliche Autorität zu präsentieren.

Gerade in diesem Sinne überzeugt dieser „Polizeiruf 110“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg, den Bernd Böhlich, der Großmeister des bewusst provinziell geerdeten Krimis, geschrieben und inszeniert hat. Die von Maria Simon nüchtern gespielte Kommissarin strahlt professionelles Selbstbewusstsein aus. Sie hat das Verhältnis zu Krause ohne falsche weibliche Nachgiebigkeit geklärt. Sie gibt den Ton an, er gehorcht. Die Rollen sind abgesteckt. Erst diese sachliche Konstellation zwischen den Ermittlern öffnet den Blick darauf, was auf dem Feld des zu Ermittelnden nicht stimmt: eine professionelle Einstellung.

Wir sehen, wie eine Werfchefin (Catherine Flemming) mit Vehemenz gegen die Verstocktheit einer veränderungsunwilligen Belegschaft kämpft. Sie hat ihre Leute zum High Noon in ein Westerncamp geladen. Heraus mit den Vorurteilen, her mit kreativen Lösungen.

Doch die Wand des Misstrauens gegen die Chefin erscheint undurchdringlich. Eine Mischung aus Feigheit, Hilflosigkeit und Rachsucht führt zum Showdown.Als die Werftchefin zum Nacktschwimmen in den See geht, werden der Zuckerkranken das abgelegte Insulinbesteck und die Kleidung geklaut. Splitternackt schleppt sie sich zurück ins Westernhotel, aber anwesende Mitarbeiter übersehen heimtückisch ihre im Frühstücksraum zusammenbrechende Chefin, bis eine Hotelbedienstete Hilfe holt. Ein weiterer Anschlag wird verübt.

Das Duo Lenski/Krause aber bleibt entschlossen. Als wäre der Geist des Westerns über es gekommen, sucht Lenski, die ihren Untergebenen zum „Chief Krause“ ernennt, weiter. Es gibt in diesem Krimi keinen Weg in die bloße Cowboy-Posse, wie es bei Prahl und seinem Pathologen leicht geschehen könnnte.

Das Leben der unbeliebten Werftchefin wird als hartes Leben gezeigt. Die Kommissarin sieht, wie das behinderte Kind der im Krankenhaus um ihr Leben kämpfenden Mutter wieder zurück ins Heim gebracht wird. Wie der hartherzige Seniorchef der Werft – ein grandioser Greisenauftritt von Otto Sander – starrsinnig seinen Machtträumen nachhängt und wie aus Angst Mordlust entsteht, damit alles wieder so wird wie früher.

Einsam sind die Tapferen in diesem melancholischen, aber von jedem Jammerton freien deutschen Eastern. Hoch am Himmel ziehen die Kraniche nach Süden. Lenski kehrt zurück in ihr Heim, wo der schlafende Vater sich mit dem Kind in ihrem Bett breitgemacht hat. Aber nichts da: kein Kuscheln, keine Aufgabe des abstinenten Beziehungsmodells. Pflichtmenschen wie Olga Lenski üben immer Treu und Redlichkeit gegenüber ihren Prinzipien.

Und wohin Krause nach Hause zurückkehrt, weiß der Zuschauer aus anderen Filmen: Zum Gasthof Krause, wo seine Schwestern Elsa und Meta bestimmen und Nachbar Gänse-Schlurzke wohnt.

Nächstes Mal kommt hoffentlich der Hund wieder mit, sonst kommen wir Zuschauer durcheinander. Es gibt schon mehr als genug Neues im Krimi.

„Polizeiruf 110: Vor aller Augen“, ARD, 20 Uhr 15

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