Medien : „Ich brauche zum Essen ein Spezialbesteck aus Titan“

Barbara Nolte

SETTING

11. November, 10 Uhr. Frühstücksraum des Interconti in Köln. Am Fenster sitzt Uri Geller, von Beruf Eisenbieger, nicht zu verwechseln mit der Profession des Vaters des Boxers Graciano Rocchigiani. Der war auch Eisenbieger, sardischer Eisenbieger. Bei Geller biegt sich das Eisen, wenn er es streichelt. Manchmal bricht es auch. 1974, in der Show „Drei mal Neun“ von Wim Thoelke, haben sich in Deutschlands Wohnzimmern – auf seinen Befehl, so glaubte man jedenfalls – Tausende Löffel, Gabeln und Eheringe gekrümmt. Das war vor genau 30 Jahren. Gellers Haare sind noch so schwarz wie früher, nur kürzer. Seit gestern sei er in Deutschland, erzählt er. Er war bei einem Fußballspiel des Hobbyklubs „Bürgel“ bei Frankfurt. Er unterstützt den Verein, selbstverständlich mental. „Es war furchtbar“, sagt er, „sie haben 7:0 verloren.“ Geller zuckt mit den Schultern und lächelt: „Immerhin: Früher haben sie 18:0 verloren. Der Tormann sollte wirklich mal abnehmen.“

THESE 1

Mit Messer und Gabel zu essen, muss für Sie ein Horror sein.

Stimmt. „Wenn ich in einer Tischgesellschaft sitze, verbiegt sich immer etwas. Nicht nur bei mir, bei irgendwem in der Runde.“ Um ungestört essen zu können, hat er zu Hause ein Schweizer Spezialbesteck aus Titan und Bronze.

THESE 2

Im Gegensatz zu Ihnen ist David Copperfield ein Waisenknabe.

„Oh, danke!“, sagt Geller und schaut, als hätte man ihm eben das größte Kompliment gemacht. Dabei wollte man ihn eigentlich ein bisschen reizen. Geller, so ist zu lesen, soll jeden verklagen, der ihn der Trickserei bezichtigt. „Als ich jung war, war ich immer sauer, wenn man mich mit Zauberern in einen Topf warf“, sagt er. „Aber ich habe gelernt, die beste Publicity für Uri Geller ist die Kontroverse. Ich brauchte noch nie PR-Leute. Man hat immer so über mich gesprochen.“

Geller greift seinen Cappuccino-Löffel, steht auf, setzt sich neben die Reporterin. „In Ihrer Nähe geht es besser.“ Er hält den Löffel am Kopf, streicht leicht über den Griff, vier-, fünfmal, und der Griff reckt sich wie von Geisterhand nach oben. Es ist schon verblüffend.

Der „Spiegel“ schickte einmal eine Gabel, die er vor den Augen des Reporters Hermann Schreiber übel zugerichtet hatte, zur Bundesanstalt für Materialprüfung. „Eine feine Schicht Quecksilbernitratlösung“, so deren Analyse, könnte das Metall eventuell mürbe gemacht haben. Am liebsten hätten sie wohl den ganzen Uri zur Bundesanstalt für Materialprüfung geschickt. Seine Gabe ist zu wunderlich, um wahr zu sein: Warum sollte nur dieser eine Mensch Gabeln verbiegen können? Und warum nutzt er die Gabe, wenn sie mehr ist als ein Zaubertrick, nicht zu etwas Sinnvollem: zum Bombenentschärfen beispielsweise?

„Guter Punkt“, sagt Geller. Er habe auch einmal die Struktur von Kristallen verändert. Vieles andere habe er versucht, aber es habe nicht geklappt. „Ich kann mit meinen Gedanken nicht, sagen wir, einfach eine Dose aufmachen. So einfach ist das nicht.“

Am renommierten Stanford Research Institute haben sie ihn fünf Wochen lang getestet. Achtmal hintereinander riet er zum Beispiel die Zahl, auf die ein Würfel gefallen war. Ein Wissenschaftler hat einmal im britischen „New Scientist“ einen Sender in Gellers Zahnkrone nachweisen wollen. Es sind schon viele seltsame Forschungen, die um ihn herum veranstaltet werden, um ihn zu erklären oder zu entlarven. Doch nie konnte ihm Betrug nachgewiesen werden.

Uri Geller schreibt mit einem Filzstift sein Autogramm auf den Kopf des verbogenen Löffels, überreicht ihn der Reporterin und sagt: „Glauben Sie es jetzt?“

Man wisse es nicht genau, sagt man.

„Aber Sie haben es doch gesehen, es ist der Hotellöffel...“ Selbst nach 40 Jahren professionellen Löffel-und-Gabel-Biegens – Messer biegt er nie – will er noch immer jeden Einzelnen überzeugen. Geller schaut sich nach den Kellnern um. „Schnell“, sagt er, „stecken Sie ihn weg.“

THESE 3

Messer sind schwieriger zu verbiegen.

Falsch. „Ich mag nur keine Messer, es sind Waffen.“

LEBENSLAUF

1946 in Tel Aviv geboren. Mit vier den ersten Löffel verbogen, mit Mitte 20 die erste Show. 1972: Deutschland, wo er einschlug wie niemand vor ihm. „Spiegel“-Titel, zwei Wochen Uri-Geller-Festspiele in der „Bild“-Zeitung, der Wim- Thoelke-Wahnsinn. Das Besondere war, dass viele Fernsehzuschauer davon überzeugt waren, mit seiner Hilfe ebenfalls Metallenes verbiegen zu können.

THESE 4

Sie brachten den rationalen Deutschen den Glauben an das Irrationale zurück.

Geller formuliert es anders: „Ich brachte den Deutschen die Macht des Glaubens bei.“ Kinder verstünden diese Macht instinktiv. Deshalb funktionierten seine Phänomene – so nennt er sein merkwürdiges Repertoire – auch am besten bei Kindern: „Sie sind offener, sie glauben an den Nikolaus und genauso daran, dass sich Dinge verbiegen können. Und dann verbiegen sie sich.“

Mitte der 70er Geller zog weiter: in die USA, nach England, Spanien. In Japan, wo sie ja Stäbchen haben und kein Besteck, ließ er Türen klappern. Seine Homepage zeigt ihn mit Dali, mit Muhammad Ali und Michael Jackson. Sogar Margaret Thatcher posiert mit ihm. „Ich liebe sie. Sie ist großartig. Sehr mächtiger Verstand.“ Eine erstaunliche Fotogalerie. Alle Prominenten dieser Erde, die beweisen sollen, dass er kein Freak ist, sondern ein Wunderkind.

Michael Jackson war es auch, der ihn zurück ins deutsche Fernsehen führte. Günther Jauch interviewte ihn in „Stern TV“ zu Jackson, der Gellers Trauzeuge ist. Nach der Sendung hat Geller für Jauch den obligatorischen Löffel verbogen, und da kamen sie auf die Idee einer Uri-Geller-Show. Eine Primetime-Show für einen Nichtdeutschsprachigen, das gibt es fast nie. Sychronisation ist Gift für die Quote. Aber bei Geller hofft man, dass der alte Zauber zurückkehrt.

Einmal, erzählt Geller, versagte seine Kraft. Bei Johnny Carson, dem großen US-Late-Night-Moderator, bog sich der Löffel nur minimal. „Ich saß 20 Minuten da, mir war das so peinlich!“ Er lacht.

Ein selbstironischer Uri Geller – das ist das Letzte, was man erwartet hätte. Vielleicht ist er altersmilde geworden. Mit seiner Frau lebt er in einer großen Villa bei London. Die Kinder sind aus dem Haus. Keines hat seine Fähigkeiten, sagt er. Es gibt also kein Löffelbieger-Gen. Diesen Zweig der Uri-Geller-Forschung kann man sich sparen.

Wie viel Uhr ist es?, fragt er plötzlich. Sein Schwager Shippi komme nämlich gleich mit einer Videokamera herunter, sagt er. Um 11 Uhr 11 filme er ihn für sein privates Archiv. Geller glaubt an die Zahl 11. „Eine Kraft aus dem Universum zieht die Menschen zur 11. Ich bin so aufgeregt...“ Man müsse sich also beeilen.

„Ich zeig dir noch was“, sagt er und fordert die Reporterin auf, hinter seinem Rücken etwas Einfaches zu zeichnen, es dann zuzudecken, an die Zeichnung zu denken und ihm dabei in die Augen zu schauen. Geller bietet wirklich das volle Programm. Man zeichnet schnell einen Hasen. Geller starrt einen an, wiegt den Kopf, kritzelt etwas. „Nein....nein“, sagt er. Als man die Zeichnung aufdeckt, ruft er: „O, sieh an, dabei war ich mir gar nicht sicher!“ Geller hat eine Katze gezeichnet. Nur knapp daneben. „Sie hätten ja auch ein Boot oder ein Haus oder einen Kreis zeichnen können!“, sagt er.

THESE 5

Die wichtigsten Gedanken kann doch keiner lesen.

Falsch. Geller sagt, er könne die wichtigsten Gedanken fühlen. Drei Jahre sei er beim CIA angestellt gewesen, um die Gedanken von KGB-Agenten in den USA zu fühlen und aufzuschreiben. Das sind wohl die Geschichten, wegen denen der „Spiegel“ kürzlich schrieb, „der Meister“ sei „vollends durchgeknallt“. Er erzählt so sachlich davon wie andere von einem Auslandssemester. Angeblich hat er auch für den mexikanischen Präsidenten Öl gefunden und den Russen eingeflüstert, einen Abrüstungsvertrag zu unterzeichnen. Man kann seine Geschichten nicht glauben. Man kann aber nicht beurteilen, was an ihm echt ist und was falsch. Ein ganzes Leben als Betrug erscheint zu mühsam: Oder sollte Geller wirklich morgens seine Finger in Quecksilbernitratlösung baden, nur um jeden Löffel biegen zu können, der des Weges kommt?

THESE 6

Es kränkt Sie, wenn Leute Sie nicht ernst nehmen.

„Nein. Ich tue ja auch viele verrückte Sachen, helfe Fußball-Mannschaften oder stoppe die Uhr des Big Ben. Ich bin kein Professor, ich bin ein Entertainer.“

Ein Mann mit einer Kamera im Anschlag steht vor dem Tisch: Shippi. Er schaut auf die Uhr und sagt: „Ich weiß gar nicht, ob sie genau geht.“ Vielleicht ist es also erst 9 nach 11 oder schon 12 nach 11. Aber Uri Geller ist kein Pedant. Shippi soll losfilmen. „Wir sind im Intercontinental Hotel in Köln“, sagt Geller in die Kamera, „es ist der 11.11., 11 Uhr 11. Ich liebe die Uhrzeit, wir haben eine gute, gute Energie hier.“

ABGANG

Uri Geller umarmt die Reporterin. Aber er verbiegt sie nicht.

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