Medien : „Ich drehe, was ich sehe“

Eine Frage des Vertrauens: Wie glaubwürdig sind die TV-Bilder aus den israelisch-palästinensischen Gebieten?

Charles A. Landsmann[tel aviv]

Selten so gelacht. Da sitzt die israelische Armeesprecherin, Brigadegeneral Miri Regev, im Studio und verteidigt ihre Informationspolitik. Sie müsse, auch auf Kosten der Geschwindigkeit ihrer Reaktion auf Ereignisse, zuallererst ihre Glaubwürdigkeit verteidigen. Eine Blitzumfrage unter altgedienten Kollegen in der Sprecherbrigade ergibt die übereinstimmende Antwort: „Von welcher Glaubwürdigkeit redet Miri?“ Fast gleichzeitig mit Regevs ahnungslosem TV-Auftritt ordnete das Oberste Gericht an, ein fünf Kilometer langes Teilstück der umstrittenen Sperranlage müsse abgerissen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden: weil die Armee dasselbe Gericht belogen habe, als dieses die ursprüngliche Baubewilligung erteilte.

Wer das oberste Gerechtigkeitsorgan des eigenen Staates belügt, dem sollte man nicht nur als ausländischer Journalist begründetes Misstrauen entgegenbringen. Dies umso mehr, als die Erfahreneren der Korrespondenten sich an eine große Anzahl von Falschinformationen erinnern nach bedeutsamen Ereignissen im Sicherheitssektor. Ganz abgesehen von der Wortwahl. Die ist Außenministerin Zippi Livni aufgestoßen: Nicht jeder, der Israelis gewaltsam attackiere, sei ein Terrorist, stellte sie fest.

Noch bedenklicher als um die Glaubwürdigkeit der israelischen Seite steht es um diejenige der palästinensischen. Übereinstimmende Antwort auf die entsprechende Frage: „Denen glaube ich schon gar nichts.“ Gemeint sind sowohl die offiziellen als auch die inoffiziellen palästinensischen Stellen, Fatah, Hamas etc. Nicht aber die libanesische Hisbollah, deren Anführer man laut offiziellem Israel „jedes Wort glauben muss“.

Und die palästinensischen Journalisten, die palästinensischen Kameramänner ausländischer TV-Anstalten? „Hätte ein ausländischer Kameramann diese Bilder gedreht, würde niemand an ihm zweifeln. Weil wir palästinensische Journalisten sind, wurde behauptet, dass wir eine Show abgezogen hätten.“ Muhammed Salman, der Chef der Nachrichtenagentur „Ramattan“ in Gaza, welche die Bilder des Blutbades am Strand von Beit Lahiya um die Welt sandte, trifft den Nagel auf den Kopf. Der „Süddeutschen Zeitung“, welche die Glaubwürdigkeit der von seinem Kameramann gedrehten Bilder anzweifelte, droht er mit einer Klage. Tatsächlich widerlegt der glaubwürdige israelische Journalist Avi Issacharov, der das Drehmaterial gesehen hat, in der angesehenen Zeitung „Haaretz“ einige Feststellungen der „SZ“. So seien die Leichen keineswegs zugedeckt gewesen, wie die Zeitung behauptete (und damit suggerierte, sie seien für Kameras arrangiert worden). Die Kleider des seinen Vater suchenden Mädchens seien sichtbar nass und nicht trocken gewesen, wie in der „SZ“ stand. Die Bilder, kurze Zeit nach der Explosion aufgenommen, sind: 1. echt, 2. redigiert, zusammengeschnitten, 3. nicht vollständig. Einige der schlimmsten Szenen seien herausgeschnitten worden, bestätigen diejenigen, welche das Originalmaterial gesehen haben. Tendenziös sei der Videoschnitt nicht.

Was fehlt, sind die Bilder danach: Von den Hamas-Aktivisten, die den Strand nach Geschosssplittern absuchten und dieses Beweismaterial verschwinden ließen. Als sie dies taten, waren Kameramänner vor Ort. Sie waren auch im Shifa-Krankenhaus, wo einem Opfer die Beweis-Splitter herausgeschnitten wurden, bevor es nach Israel zur lebensrettenden Pflege gebracht wurde.

Palästinensische Kameramänner sind in erster Linie Palästinenser. Wer wollte ihnen, die in besetzten Gebieten leben, das verdenken. Zwar ist die palästinensische Gesellschaft formal eine demokratische, doch mit der Medienfreiheit steht es nicht zum Besten. Druck ist Alltag, Drohung die effektivste Waffe, mit der unerwünschte Bilder zum Verschwinden gebracht werden. Ein Beitrag, der jemandem nicht passt, und der Kameramann, der Reporter, der Sender ist „weg vom Fenster“. Erst wenn sich der Zorn der Oberen gegen ausländische Medien richtet, werden der Weltöffentlichkeit diese Tatsachen bewusst. Wie nach dem Lynchakt von Ramallah vor Jahren, als zwei israelische Reservisten, die sich im Weg geirrt hatten, vom Mob vor laufenden Kameras erschlagen und zum Fenster hinausgeworfen wurden. Der Korrespondent der italienischen RAI, welche diese Bilder zeigte, musste die Region fluchtartig verlassen.

Die Kameramänner und auch die Korrespondenten in den palästinensischen Gebieten arbeiten zwischen Hammer und Amboss. Dies gilt insbesondere, wenn sie selbst Palästinenser sind. Einerseits der Druck der palästinensischen Behörden, anderseits die Feindseligkeit, mit der ihnen die israelischen Soldaten entgegentreten. Eine, vielfach unbewusste, Selbstzensur ist die logische Folge – mit massiven Auswirkungen auf ihre Glaubwürdigkeit. Allerdings: Dafür, dass palästinensische Kameramänner, TV-Produzenten oder gar ausländische Korrespondenten Ereignisse in Szene gesetzt hätten, fehlt jeder Beweis. Dass ausgerechnet für amerikanische Medien tätige Israelis dies – während der ersten Intifada beobachtet – getan haben, ist in Bild und Ton festgehalten. Ihr Motiv ist allerdings ein anderes: Der Druck, „bessere Bilder als die Konkurrenz zu beschaffen“.

Die israelische Armee hat sich die von ihr als lästig bis feindlich eingeschätzten palästinensischen Kameramänner selbst eingebrockt. Während der ersten Intifada wurden die meisten palästinensischen Gebiete zur militärischen Sperrzone erklärt, welche die fast ausnahmslos israelischen Kameramänner ausländischer TV-Stationen nicht betreten durften. Daraufhin verteilten zuerst einige amerikanische Sender und der staatliche französische Kanal, damals Antenne 2, kleine Amateurkameras an ihre, durch keinerlei entsprechende Ausbildung vorbelasteten, palästinensischen Mitarbeiter. Gegen Abend konnte man dann in den TV-Studios eine surrealistisch anmutende Szene beobachten: Ein älterer, würdevoll wie ein Scheich anmutender Palästinenser schüttelte sich, und aus seinem weiten Gewand fielen die aus den Kampfgebieten geschmuggelten Kassetten der verschiedenen Sender.

Schon nach kurzer Zeit entdeckten jüngere Palästinenser, welchen der Sinn weniger nach gefährlichem Kampf gegen die Besatzungsmacht als nach Geldverdienen stand, die Arbeit als Kamera- und Tonmänner, als Produzenten und Übersetzer für ausländische Medien. Den meisten fehlt es an formaler Ausbildung und irgendwelcher beruflicher Ethik. Um ihre Glaubwürdigkeit glauben sie sich nicht kümmern zu müssen: „Ich drehe, was ich sehe. Was der Cutter und der Korrespondent daraus machen, weiß ich nicht und ist mir auch gleich – wenn es mir selbst nicht schadet.“

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