Medien : „Ich gehe in keine Box“

Reporter-Legende Günther Koch über Arena, sein erstes Jahr im Fernsehen und den Kollegen Klinsmann

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Herr Koch, Sie galten als eine Institution der Radioreportage. Warum sind Sie zum Fernsehen gewechselt?

Das war eher zufällig. Als einer, der fürs Radio gelebt und gekämpft hat, der die Radioreportage über alles liebte, habe ich fest damit gerechnet, bei der WM im eigenen Land eingesetzt zu werden. Das war mir versprochen worden. Aber man gab mir kein einziges Spiel als Reporter. Da habe ich gesagt: Ich hör’ auf. In diesem Jahr werde ich 65. Zwei Wochen, nachdem das durch die Presse ging, rief ein Mittelsmann an. Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, für Arena zu arbeiten. Im Fernsehen.

Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Ich habe immer gesagt: Fernsehen ist nicht meins. Aber die Arena-Verantwortlichen meinten, ich soll der Günther Koch bleiben. Und sie wissen, dass ich im Fernsehen polarisieren werde, aber genau das wollen sie. Ich habe gesagt: Ich gehe in keine Box. Premiere hat ja die Konferenzen immer aus der Box gemacht, aus dem Keller in Ismaning.

Arena bot Ihnen an, weiter vom Stadion aus zu kommentieren.

Ja, ich bin halt Reporter mit Leib und Seele. Ich will rausgehen und den Fußball sehen. Arena hat gesagt: Sie machen dann ja auch Konferenzreportagen aus dem Stadion, fast wie im Radio. Das hat mir wieder Appetit gemacht.

Beschreiben Sie doch mal Ihren ersten Tag als Fernsehkommentator.

Alles lief ganz anders als geplant. Das hatte mit der verwirrenden Technik zu tun: diese Vielzahl von Monitoren. Ich musste mir erst mal sagen lassen, auf welchen ich gucken soll und welche Taste ich wann zu drücken habe. Der Paul Breitner hat mir dann später gesagt: Andere brauchen da zehn Jahre für!

Wo liegen die größten Unterschiede in Ihrer Arbeit? Verschenken Sie beim Fernsehen nicht Ihre Poesie?

Ich kann keine Bilder mehr malen, habe nicht mehr die totale Freiheit. Radikal ausgedrückt, wäre ich entbehrlich. Man könnte statt meiner auch Schriftzüge einblenden oder Musik spielen. Die Sprache, meine Möglichkeit, den Hörer an die Hand zu nehmen, ging weitgehend verloren. Aber es reizte mich, noch mal was Neues auszuprobieren und zu lernen.

Was sagen Sie Kritikern, die der Meinung sind, Sie seien immer noch ein Radioreporter und hätten sich nicht umgestellt?

Natürlich habe ich mich umgestellt, so etwas geht nicht von heute auf morgen. So habe auch ich als alter Hase einen guten Coach bei Arena, Uwe König. Er hat viel mit mir gearbeitet. Aber ich gebe auch zu, dass ich mich gerne an den britischen Kommentatoren orientiere, die mehr sprechen und mit dem Ball gehen, fast im Stile einer Radioreportage. Ich habe manchmal bei der Vollkommentierung Phasen drin, bei denen ich eher zu lange still bin. Mein Ablaufredakteur sagt mir dann schon mal aufs Ohr: Jetzt kannst’ aber wirklich mal wieder was sagen!

Wie sehr dürfen Sie eigentlich Fan sein? Auf Ihrer Website schrieben Sie im Dezember: „Alle haben bisher häufiger verloren als der 1. FC Nürnberg. Wer das nicht toll findet, der leidet an Gedächtnisschwund.“

Im Internet, und als Cluberer, kann ich Fan sein. Aber ich gehe ja mit dem Club viel kritischer um als andere. Auch von halb offizieller Seite wird mir dann und wann gesagt, dass ich den 1. FC Nürnberg besonders kritisch behandle, wie mein eigenes Kind. Aber ich lasse es mir nicht nehmen, mich auch bei guten Spielen vom FC Bayern oder von Eintracht Frankfurt begeistern zu lassen.

Hat Arena denn das Ziel erreicht, näher am Zuschauer zu sein?

Wir sind ein sehr unterschiedlich besetztes Team. Auch soll manches bewusst nicht so intellektuell wirken, stattdessen näher am Fan dran sein, als Sie es von Premiere nach 15 Jahren gewohnt waren. Wir zeigen deutlich, dass wir näher am Fußball sind.

Warum steht dann beispielsweise Steven Gätjen, ein Mann des Boulevardfernsehens, als „Fieldreporter“ im Stadion?

Ich kannte Steven nicht vom Fernsehen, konnte ihn also unvorbelastet und als Kollegen erleben. Was er da macht, finde ich großartig! Das Schlimmste ist, wenn alles gleich klingt.

Nun ist Arena mit eher schwachen Abonnentenzahlen gestartet und steckt in den roten Zahlen. Man lässt sich zu einem großen Teil von Premiere vermarkten. Wie lange wird es den Sender noch geben?

Ich bin sicher, dass Arena über die drei Jahre hinaus wieder die Lizenz bekommt. Man kann uns nicht mit jemandem vergleichen, der das 15 Jahre gemacht hat. Ich habe es bei mir erlebt. Gleich nach dem ersten Spiel wurde vehement auf mich eingedroschen. Aber schon in der zweiten Woche kam die Gegenreaktion.

Mit Jürgen Klinsmann bekommen Sie nun einen prominenten Kollegen.

Ich kenne ihn, seit er Spieler bei den Stuttgarter Kickers war. Er ist einer, der gegen den Strom schwimmt. Dass Klinsmann kommt, ist eine Auszeichnung für Arena. Er wird uns beflügeln.

Sie haben das Fußballgeschäft als „vermarktete Zwangsshow in sitzplatzgepolsterten Arenen“ bezeichnet.

Mich stört, dass der Fan um seine Rechte kämpfen muss. Der normale Zuschauer, der ins Stadion geht und auch nass werden will und kann, darf nicht in der Minderheit sein. Ganz sicher hat er nicht mehr den Stellenwert, den er vor 20 Jahren hatte. Ich will, dass er wenigstens den jetzigen behält. Wenn bei Champions-League-Spielen die teuren Sitze der besser gekleideten Menschen leer bleiben, weil die Herrschaften bei der Nahrungsaufnahme sind, rege ich mich auf.

Sie waren schon mal Landtagsabgeordneter für die SPD, mussten das Mandat aber zugunsten Ihrer BR-Tätigkeit abgeben. Zieht es Sie noch mal in die Politik?

Nein. Ich habe in der Politik ganz schlimme Erfahrungen gemacht. Das ist ein wunder Punkt in meinem Leben. Ich Depp war so naiv und dachte, dass ich für die Gemeinschaft etwas tun kann. Als Unabhängiger hätte ich einiges erreichen können. Als die Parteien gemerkt haben, dass da einer kommt, der nur macht, was er für richtig hält, wurde denen unwohl. Auch die SPD, die mich um eine Kandidatur gebeten hatte, hat mich im Regen stehen lassen. Obwohl ich seit 36 Jahren in der SPD bin und viele Wahlkämpfe gegen Beckstein maßgeblich mitgeführt habe.

Das Gespräch führte Johannes Boss

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