Medien : "Ich habe Mitleid für Politiker entwickelt"

Diese Woche hört Sandra Maischberger bei n-tv auf. Ein Gespräch über Minister, Michel Friedman und die Kunst des Hummerfangs

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Frau Maischberger, Sie haben bei n-tv mehr als 1000 Interviews geführt. Haben Sie etwas dabei gelernt?

Ich habe ein Problem: mein Gedächtnis. Wenn Sie über sechs Jahre lang vier Interviews pro Woche führen, dann ist die Schlagzahl einfach zu hoch, als dass jedes einzelne Gespräch in Erinnerung bleiben könnte. Leider. Dafür kann ich mich an Interviews erinnern, die ich vor 15 Jahren geführt habe. Lassen Sie mich es so sagen: Ich bin wie ein Schwamm. Ich sauge auf und gebe wieder ab.

Mit anderen Worten: Sie haben nichts gelernt.

Doch. Was die reine Beherrschung des Handwerks angeht, habe ich sogar sehr viel gelernt. Und ich habe mehr hinter die Kulissen der Politik blicken dürfen, als mir lieb war. Ich habe außerdem gelernt, dass es Menschen gibt, die offenbar genauso gut vorbereitet in eine Sendung gehen wie ich. Unsere Vorbereitung ist wirklich exzellent. Aber von meinen Ministern wünschte ich manchmal, sie wüssten mehr als wir ...

Am 31. März ist Schluss bei n-tv. Sie hören auf. Hatten Sie keinen Spaß mehr am Talk?

Als ich bei „Talk im Turm“ anfing, habe ich einmal auf die Frage, warum ich das machte, geantwortet, ich hätte Spaß daran. In der Zeitung stand dann, „Sie meint wohl Freude“. Aber nein, ich meinte Spaß. Spaß habe ich auch heute noch an der Sendung, immer wieder.

Sie bereiten sich auf jede Sendung akribisch vor. Strengt das nicht furchtbar an?

Das ist doch gerade der Spaß an der Sache, sich Fragen auszudenken. Wenigstens zur Hälfte. Ich bin Journalistin geworden, weil ich dachte, ich würde durch viel Fragen auch viel erfahren. Die Fragen dann zu stellen, macht die andere Hälfte des Spaßes aus. Das mit dem Wissen hat aber nicht immer so geklappt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Was ist Ihnen lieber, der Blick hinter die Kulissen des politischen Betriebs oder die ganz persönliche Begegnung mit einem Menschen, der Sie mit Geschichten aus seinem Leben oder mit Bekenntnissen überrascht?

Ein Interview zur Sache kann schon sehr befriedigend sein. Wenn wir die Ersten waren, bei denen Hans Eichel sagte, Deutschland werde auch in diesem Jahr die Maastrichtkriterien nicht erfüllen, dann war das ein journalistischer Erfolg. Aber auch das rein Menschliche kann sehr spannend sein. Die Art, wie zum Beispiel Henry Kissinger nicht über seine Vergangenheit spricht, hat mich sehr fasziniert.

Hat Ihre Geduld im Laufe der Jahre abgenommen?

Einmal habe ich während eines Gesprächs mit Michael Glos auf den Tisch gehauen, das ist einfach so passiert, da war nichts zu machen. Aber das war eine Ausnahme, und ich bin froh darüber. Ungeduld ist bei mir eher eine Frage der Tagesform. Wenn die Kondition mal nicht so gut ist, dann wird man schon mal ein bisschen unleidlich. Aber im Grunde habe ich keine Veranlagung zu dieser Art Ungeduld. Wäre es anders, hätte ich sicher nie die Zahl von 1000 Sendungen erreicht.

Sind denn bei diesen ausgebufften Politprofis neue Erkenntnisse überhaupt vorstellbar?

Ich bin ja schon glücklich, wenn der Zuschauer den Eindruck gewinnt, da denkt jemand nach und das auch noch vor laufender Kamera. Das sind die großartigen Momente, nach denen wir lechzen.

Wie oft ist das passiert?

Da fragen Sie mich was. Vielleicht in zehn Prozent aller 1000 Fälle, das heißt: 100 Mal. Und das ist wirklich viel. Fernsehen ist ein flüchtiges Medium. Und der Talk im Fernsehen ist noch viel flüchtiger. Ich glaube, wir haben angesichts dessen sehr viel erreicht. Viel mehr ist, glaube ich, im Fernsehen nicht zu erreichen.

Hat Michel Friedman, der Umstrittene, nicht auch etwas erreicht, wenn auch mit etwas anderen Mitteln als Sie?

Friedman hat nach der Lobster-Methode, wie ich das nenne, gearbeitet. Einen Lobster, der sich in einem Felsen verkrallt hat, bekommen Sie nicht aus seiner Höhle, wenn Sie ihn einfach nur an seinen Fühlern packen und auf geraden Weg rausziehen wollen, weil er sich verkeilt. Sie müssen ihn packen und so lange schütteln, bis er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Dann lässt er los. Das haben mir Taucher erzählt. So war Friedman zu seinen besten Zeiten. Das konnte er wie kein anderer. Eine hohe Kunst. Ich könnte das nicht. Und ich wollte das auch nicht. Ich lege lieber Futter vor die Höhle, verstecke mich hinter dem Felsen und warte, bis der Lobster rauskommt. Erst dann packe ich zu.

Wann ist der Interviewer mit seiner Kunst am Ende?

Am Spielfeldrand und im Wahlkampf. Man sollte weder Spielern direkt nach einem Fußballspiel Fragen stellen noch wahlkämpfenden Politikern. Dabei kann nichts rauskommen. Aber wir müssen es immer wieder versuchen.

Begreifen Sie nach sechs Jahren des politischen Talks die Politik oder die Politiker besser als vorher?

Das Gefährliche ist die Nähe zu den handelnden Personen. Es ist einem ja nicht jeder Politiker unsympathisch. Wenn ich anfange, sie zu verstehen, gehe ich schon einen Teil ihrer Deformation mit. Helmut Schmidt hat einmal gesagt, Ehrlichkeit bedeute nicht, alles zu sagen, was man denkt, aber das, was man sagt, sollte man auch denken. Für diesen Satz empfinde ich eine gewisse Sympathie.

Wie also geht das: sich ein schönes, unverfälschtes Feindbild erhalten?

Indem Sie sich nicht auch nur im Geringsten auf die Sache Ihres Gegenübers einlassen. In dem Augenblick, in dem Sie die Sache mit den Augen Ihres Kontrahenten zu sehen beginnen, entwickeln Sie Verständnis, jedenfalls im Ansatz. Dagegen können Sie sich gar nicht wehren, das ist sehr menschlich. Das ist schlecht fürs Feindbild, aber gut für die Erkenntnis. Politiker sind ja nicht mein Feindbild.

Haben Sie die Politik vielleicht sogar schätzen gelernt?

Eher im Gegenteil. Politik ist sehr oft deformierend, sie frisst den Menschen, mit allem, was er hat, sie verführt dazu, intrigant zu sein. Ich habe im Laufe der Zeit sogar ein gewisses Maß an Mitleid für Politiker entwickelt. Und wer Mitleid hat, der kann nicht mehr angreifen.

Tut Ihnen auch einer wie der Herr Glos leid?

Nein, weil der sich selbst nicht leidtut. Er ist einer meiner liebsten Gesprächspartner, weil er unempfindlich ist und über Selbstironie verfügt.

Wer nützt eigentlich wem? Der Politiker dem Moderator oder umgekehrt?

Wir uns gegenseitig. Die Politiker kommen mit dem festen Vorsatz in meine Sendung, eine bestimmte Botschaft los werden zu wollen, koste es was es wolle. Ich nenne das das Genscher-Prinzip. Genscher soll Möllemann, als der neu in der Politik war, geraten haben, wenn sie dich nach der Waschmaschine fragen, dann antwortest du mit Kühlschrank. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt, aber sie klingt plausibel. Mein Interesse ist ein natürlich völlig anderes.

Wie spricht es sich denn von Kühlschrank zu Waschmaschine?

Man muss Kompromisse machen. Am Anfang nach dem Kühlschrank fragen, dann über die Waschmaschine reden. Das klappt auch in aller Regel. Die Frage ist allerdings, ob das dann noch den Zuschauer interessiert. Ich sitze als Moderatorin zwischen allen Stühlen.

Woher wissen Sie denn, was wir, die Zuschauer, wollen?

Bei n-tv weiß ich es besser als bei anderen Sendern. n-tv ist ein Spartenkanal, anders als ARD und ZDF. Außerdem haben wir sehr aktive Zuschauer.

Sie sprechen so voller Begeisterung über Ihre Arbeit bei n-tv. Finden Sie es nicht doch schade, dass jetzt Schluss ist?

Ich bin Bergsteigerin und deshalb weiß ich, dass auf die Gipfelbesteigung unvermeidlich der Abstieg folgen muss. Wir haben erreicht, was erreicht werden konnte. Ich glaube, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, Neues anzugehen, auch wenn es riskant ist. Diese Sendung, so schön sie war, auf ewig weiterzumachen, das habe ich mir selbst in den besten Stunden nie wirklich vorstellen können.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Heute ist Roman Herzog bei „Maischberger“ zu Gast: 17 Uhr 10, n-tv.

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