Medien : „Ich kann nicht mehr arbeiten“

Nach der Hausdurchsuchung steht der Journalist Bruno Schirra ohne Archiv da

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Vor drei Wochen hat das Landeskriminalamt Potsdam Ihr Haus durchsucht, weil sie in der Zeitschrift „Cicero“ in einem Artikel über Abu Mussab al Sarkawi aus einem geheimen BKADossier zitiert haben. Wie hat sich Ihre Arbeit seitdem verändert?

Seit dem 12. September, als ich auf Recherchereise in Tel-Aviv davon erfuhr, dass ich hochherrschaftlichen Besuch in meinem Haus hatte, habe ich nicht mehr gearbeitet. Ich konnte seitdem nicht mehr arbeiten, da mein gesamtes Recherchearchiv konfisziert wurde. Außerdem muss ich davon ausgehen, dass meine Telefone abgehört werden.

Haben Sie dafür Beweise?

Kein harter Beweis wie etwa die Transkription eines von mir geführten Telefonates. Aber mehrere Quellen behaupten, dass ich sei seit Mitte Mai immer wieder telefonisch observiert worden sei. Diese Quellen kenne ich seit Jahren. Nie haben sie mir eine falsche Information geliefert.

Halten sich Ihre Informanten nun von Ihnen fern?

Nein, meine Informanten haben kein Problem damit, weiterhin mit mir zu reden. Ich rufe natürlich nicht mehr mit meinem Handy bei ihnen an, auch nicht vom Festnetz aus. Ich muss andere Wege der Kommunikation wählen, und da gibt es Gott sei Dank sehr viele.

Glauben Sie, dass man durch die Hausdurchsuchung auch Informanten einschüchtern wollte?

Das war sicherlich eine Motivation hinter dieser seltsamen staatlichen Operation.

Was war Ihrer Ansicht nach das Hauptmotiv?

Dem BKA und Herrn Schily sowieso konnte nicht entgangen sein, dass ich offensichtlich recht gut vernetzt bin. Dass ich in dem Themenkreis, in dem ich arbeite – Islamismus, BKA, Iran, Nuklearwaffen, Terrorismus – gute Quellen habe, und zwar nicht eine oder zwei, sondern relativ viele. Ich habe für meine Artikel kein einziges Dementi bekommen. Die Fakten stimmten, weil ich gute Quellen habe. Ich denke, man wollte wissen, welche Papiere hat der Mann noch, mit wem ist er noch im Kontakt. Und da hat man gleich Tabula rasa veranstaltet. Wie ein Elefant im Porzellanladen stolziert Herr Schily mit seinen Mannen durch die bundesdeutschen Ideale der Pressefreiheit und trampelt die mal eben in Grund und Boden.

Der „Focus“ behauptet, das Ganze sei eine lancierte Aktion gewesen: Die Ihnen zugespielten Geheimakten seien von BKA-Sonderermittlern manipuliert worden, um in den eigenen Reihen undichte Stellen ausfindig zu machen.

Soweit ich das gegenrecherchieren konnte, gibt es keinen Anhaltspunkt, davon auszugehen, dass dieses Dossier über al Sarkawi bewusst manipuliert wurde. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das BKA so unsäglich dumm ist, ein Spielmaterial zu produzieren, in dem echte Geheimnisse stehen.

Angeblich wurden Telefonnummern mit Zahlendrehern versehen, Hausnummern und auch Straßennamen verändert. Können Sie denn ganz sicher sagen, dass Sie die Originalakte in der Hand hatten?

Ich bin Journalist, das heißt, mir stehen nur journalistische Mittel zur Verfügung, Gott sein Dank. Vieles aus der Sarkawi-Akte kannte ich: Telefonnummern, Namen. Sie waren identisch mit anderen Akten, die ich im Laufe der letzten Jahre aufgetrieben hatte, sei es von der deutschen Justiz, dem BKA oder BND. Wenn die Telefonnummern durchgängig falsch wären, würde das bedeuten, dass man einen eminenten Aufwand gemacht hätte, zurückliegende Gerichtsakten nachträglich zu frisieren. Das erscheint mir unwahrscheinlich.

Aus welchen Grund vertrauen Ihnen BKA- Beamte geheime Informationen überhaupt an?

Das sind Leute, die seit Jahren unter einer mörderischen Anstrengung teilweise eine hochgefährliche Arbeit machen. Diese Männer und Frauen fühlen sich mit Fug und Recht von den politisch Verantwortlichen und der Öffentlichkeit im Regen stehen gelassen, und irgendwann ist die Frustration so groß, dass sie sich dem einen oder anderen Journalisten anvertrauen, sich auskotzen, ausweinen, und irgendwann geben sie halt Informationen weiter. So banal ist das.

Zahlen Sie auch für Informationen?

Unter gar keinen Umständen!

Das Gespräch führte Eleni Klotsikas.

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