Medien : Ich mach’ den Kerner!

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DAS SPIEL IST AUS!

Also. Zwei Tage hatte der Kolumnist frei, und da durfte er dann die Fußballspiele mal mit normalen Menschen sehen und nicht, wie in den letzten drei Wochen mit den Kollegen: den Journalisten, Analytikern, Besserwissern, Nörglern. Der Kolumnist traf seine Freunde – grundanständige Menschen mit seriösen Berufen und einer kindlichen Freude am Zuschauen eines Fußballspieles.

Eine Freude, die selbst Johannes B. Kerner nicht zerstören kann, obwohl er sich am Freitag, als er das Spiel Deutschland gegen die USA kommentierte, alle Mühe gab. Der Kolumnist, versaut von seiner Arbeit, litt unter Kerner und seinen Formulierungen – vor allem unter seiner Unfähigkeit, eine kritische Einschätzung zum Spiel der deutschen Mannschaft abzugeben; stattdessen forderte der Mann zum Daumendrücken auf und fragte, als die Regie kurz vor Abpfiff Rudi Völler einblendete: „Wie viel Franz steckt in Rudi?“ Manche Dinge will man einfach nicht wissen, Herr Kerner!

Den Freunden war es egal. Sie litten und und tobten vor dem Fernseher und wahrscheinlich hätten sie auch Marcel Reif nicht zugehört, der auf Premiere kurz davor war, den deutschen Pass für immer abzulegen. Noch niemals wurde das Wort „Ziege“ mit so viel Verachtung ausgesprochen, selten war Verzweifelung so sehr hörbar. Aber will man das wirklich? Als Fan? Der Kolumnist und seine Freunde hatten am Sonnabend, während der Spiele Spanien gegen Südkorea und Senegal gegen die Türkei eine Idee, die Premiere das Überleben sichern würde. Anstatt bei den Übertragungen unzählige Kameraperspektiven anzubieten, sollten verschiedene Kommentatorenstile wählbar sein: Reif, Kerner, Günther Koch, eine Frau, Harald Schmidt – und der Kolumnist und seine Freunde. Da wäre für jeden was dabei. Menschen mit Fußballsachverstand würden die Kommentare des Kolumnisten und seiner Freunde wählen. Warum? Weil Fußball das einzige und das wahre Reality-TV ist. Normale Menschen sehen anderen normalen Menschen bei einer normalen Sache zu und hören normale Menschen Sachen sagen wie: „Dem Beckham kann ich auch nicht vorm Kopp gucken.“ Ach, das wäre zu schön, um wahr zu sein. Matthias Kalle

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