Medien : „Ich schäme mich“

Beeindruckende RBB-Doku über DEFA-Regisseur Kurt Maetzig

Kerstin Decker

Am Ende will er noch etwas sagen: „Ich möchte Ihnen danken für die Fairness. Davor ziehe ich den Hut.“ Es klingt – alle können es hören nach der Premiere seines Filmporträts am Potsdamer Platz –, als habe Kurt Maetzig in diesem Leben nicht mehr damit gerechnet. Auf Hohn und Häme kann man sich einstellen, aber auf dieses plötzliche Verstehenwollen? Da kann einer 93 werden und ist noch immer zu erstaunen.

Der Dank gilt einem jungen Mann und einer jungen Frau – soll man, muss man sagen? – aus dem Westen. Sie riefen den DEFA-Regisseur der ersten Stunde vor Jahren an, weil sie einen Zeitzeugen suchten, der den Stummfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ vor mehr als 75 Jahren gesehen hat. Aussichtslos. Nun hatten sie Maetzig am Telefon und der klang, als komme er soeben aus dem Stummfilm-Kino. Maetzig gehört zu jenen Bald-100- Jährigen, gegen die manche schon mit 40 alt aussehen. Damals wussten Dorothea Schildt und Markus Tischer noch nicht viel von ihm. Nicht, dass der Sohn bürgerlicher Eltern aus Charlottenburg den DEFA-„Augenzeugen“ gründete (Nachfolger der faschistischen „Wochenschau“), nicht, dass er den großartigen Film „Ehe im Schatten“ gedreht hatte, der ein Erfolg in allen Nachkriegssektoren wurde. Aber Kurt Maetzig ist auch der Regisseur eines Monumental-Zweiteilers über Ernst Thälmann. Die Thälmann-Filme waren verantwortlich dafür, dass ganze DDR-Generationen vor dem großen Arbeiterführer in Deckung gingen. Denn einer wie Thälmann, der einen ganzen Film über kämpferisch die Faust reckt, dachten wir, kann nicht ganz dicht sein. Die Objektiven sagen kurz „Stalinistische Filmkunst“. Maetzig sagt das auch.

Und dann, ein paar Jahre später, dreht Nationalpreisträger Maetzig einen Film, der zu dem verbotenen Jahrgang 1965 gehört: „Das Kaninchen bin ich“. In der DDR bekam ihn keiner zu sehen, nur die Partei- und Staatsführung kannte ihn, weshalb sie später kurz von „Kaninchen“-Filmen sprach, wenn sie andeuten wollte, welche Art Kino sie überhaupt nicht ausstehen konnte. Ist dieser Mann auf einen Nenner zu bringen?

Nun sollte man Menschen, die sich auf einen Nenner bringen lassen, ohnehin misstrauen. Aber ein Zusammenhang zwischen den vielen Nennern, die einer hat, muss doch auffindbar sein. Dorothea Schildt und Markus Tischer haben den roten Maetzig-Faden gefunden. In den letzten 13 Jahren hat dieses Land den Sozialismus als Kriminalfall behandelt. Was wäre dann ein Sozialist? Aber jemand wie Maetzig lässt sich nur unter der Voraussetzung, ein Sozialist zu sein, verstehen. Die Autoren sprechen sie aus. Wahrscheinlich ist nicht einmal ihr Titel „Filmen für ein besseres Deutschland“ ironisch gemeint – was aus einem Besser-Filmer so werden kann, zeigt der Film.

„Ehe im Schatten“ von 1947 ist die Geschichte einer jüdischen Schauspielerin, die während der Nazi-Zeit untertaucht und sich am Ende mit ihrem nicht-jüdischen Mann das Leben nimmt. Kaum einer wusste, dass Maetzig hier sein eigenes Familienschicksal verfilmt hat – nur mit anderem Ausgang. Maetzigs Vater hat sich von seiner jüdischen Frau scheiden lassen, pro forma, damit er nicht enteignet wird. Dennoch war die Mutter nun gänzlich schutzlos, musste untertauchen und nahm sich schließlich das Leben. Der Sohn war dabei, als sie starb. Er hat das Schicksal der eigenen Mutter verfilmt. Aber seine Konsequenzen reichten tiefer: Noch im Krieg war der Bürgersohn Kurt Maetzig der illegalen KPD beigetreten. Man hat sich angewöhnt, den Antifaschismus der DDR nicht ernst zu nehmen und von „rituell verordnetem Antifaschismus“ zu sprechen. Vielleicht sollten die Einfach-Denker das einem wie Maetzig selbst ins Gesicht sagen.

Maetzigs Reaktionen in diesem Filmporträt sind beeindruckend. Er hätte ja selbst seine Schuld an „Thälmann“ mindern können, schließlich entdeckte das halbe Politbüro eine plötzliche Berufung zum Drehbuch(um)schreiber. Aber Maetzig sagt nur: „Wenn ich das heute sehe, schäme ich mich.“ Nach „Das Kaninchen bin ich“ tut Maetzig genau das, was sein Film bloßstellt und verurteilt: Er kriecht zu Kreuze vor der Macht. Er entschuldigt sich für den Film. Es war eine Selbstbeschmutzung, sagt er. Im Gespräch nach der Filmpremiere wird Maetzig genauer: Trotzdem würde er es wohl wieder tun. Denn diese Selbstkritik war eine politische Entscheidung. Er musste befrieden, obwohl der Traum vom besseren Deutschland für ihn zu Ende war. Aber er konnte nicht Hand an den Staat legen, an den er nicht mehr glaubte. Das Premierenpublikum schien zu verstehen, was wir verlernt haben zu verstehen. Dass es Loyalitäten gibt, die sich nicht einfach verurteilen lassen, die eine Tragik einschließen.

„Filmen für ein besseres Deutschland“: 22 Uhr 45, RBB

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