Medien : „Ich weiß genau, wann ich aufhöre“

Dieter Kronzucker über Duelle und den Zusammenhang zwischen Harald Schmidt und fehlender Infokompetenz bei Sat 1

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Herr Kronzucker, welche Partei empfehlen Sie uns, am Sonntag zu wählen?

Ich bin ein Wertkonservativer, mir gefällt das Kabinett, das sich Stoiber vorstellt, sehr gut. Mir sind aber auch andere wertkonservative Vorstellungen wichtig. Da wird oft übersehen, dass Jürgen Trittin eine ganze Menge für die Bewahrung der Umwelt getan hat. Und Joschka Fischer hat in den vergangenen Jahren viel außenpolitisches Geschick bewiesen.

Das hört sich an wie die Wahlempfehlung der „Financial Times“.

Die Argumentation der „FTD“ konnte ich im Grundsatz teilen. Was ich nicht gut finde, ist die Begründung, warum sie eine Wahlempfehlung abgegeben hat. Das mag bei den Angelsachsen und in Amerika üblich sein. In den Vereinigten Staaten wird der Präsident aber vom Volk gewählt, nicht vom Parlament. Es gilt das k.o.-System.

Sie sind also gegen die Fernsehduelle? Die beruhen auf dem k.o.-System.

Wenn ich an die drei wichtigen Debatten denke, das erste TV-Duell, das zweite TV-Duell und dann die Debatte im Parlament, muss ich sagen: Mir gefiel die politische Auseinandersetzung auf dem Boden des Parlaments, ehrlich gesagt, besser, auch wenn ich damit ein wenig im Widerspruch stehe zu dem, was wir bei Sat 1 und N 24 mitgemacht haben.

Das Dumme ist nur, dass die Parlamentsdebatte nicht wie die beiden Duelle von 15 Millionen Menschen gesehen wurde.

Das ist das Problem. Für die Politisierung der Wählerschaft ist ein Fernsehduell wichtig. Für die parlamentarische Demokratie ist es nicht gut. Eine bedauerliche Entwicklung. Mich ärgert auch, dass in Deutschland der ganze Wortschatz aus Amerika übernommen wird: endorsement, spin-doctoring…

Sie wollten hier sehr früh auch etwas Amerikanisches einführen, das Infotainment, die Verbindung von Information und Unterhaltung.

Wir haben beim „heute journal“ Dinge gemacht, die man sich später nur hätte bei Privaten vorstellen können. Private gab es damals bloß noch nicht. Ein Beispiel: Um die Wirkungsweise einer Neutronenbombe zu erklären, haben wir mitten in der Moderation Klaus Bresser ausgeblendet, nur noch das Studio gezeigt und Bresser aus dem Off sprechen lassen. Das war damals sensationell. Der Ausschuss für Politik und Zeitgeschehen beim ZDF war allerdings empört.

War das mit ein Grund, weshalb Sie zum Privatfernsehen wechselten?

Der Grund war ein anderer: Als ich zu den Privaten ging, war ich 53. Ich hatte das Bedürfnis, mal etwas anderes zu machen. Und ich war ein wenig frustriert. Grund war das Proporz-Denken. Was ich nicht voraussehen konnte, war, dass es bei Privaten auch politische Einflüsse gibt. Das Gute: Man kann sich so viele Meinungen bilden wie es Sender gibt.

Als Wertkonservativer sind sie bei den Kirch- Sendern ja gut aufgehoben. Dennoch sagten Sie einmal, Sie hätten den Zeitpunkt des Wechsels zu den Privaten zu früh gewählt.

Ich dachte, dass man schon damals hätte bei den Privaten ein Informationswesen aufbauen können, das seinen n verdient.

Warum schafft Sat 1 es bis heute nicht, Informationskompetenz aufzubauen?

Wenn ein Sender die Informationskompetenz nicht hat und sie sich dann beschaffen will, indem er sich Leute mit Informationskompetenz holt, dann müssen die Eigner dieses Senders etwas mehr Puste haben. Ein Beispiel: Ich fing mit der Nachrichtensendung „Guten Abend, Deutschland“ an. 350 000 schauten am Anfang zu, im Sommer ging es auf unter 300 000 zurück, im Dezember hatte ich 1,4 Millionen. Die Entscheidung, mich von der Mattscheibe zu nehmen, ist aber schon im Sommer gefallen. Wir haben zu oft das Personal gewechselt, hatten zu wenig Leute an der Spitze, die an der Nachrichtenkompetenz interessiert waren. Stattdessen holte der Sender Harald Schmidt und Ingolf Lück, zwei Leute, die sich über Nachrichten lustig machten, das allerdings zugegebenermaßen brillant. Mit dem Journalisten Claus Larass hatten wir dann jemanden, der zunächst der Informationskompetenz wieder mehr Raum gab. Er hat die Spätnachrichten eingeführt, und er kämpft dafür, dass N 24 nicht Opfer der Insolvenz wird.

Und gerade hat Sat 1 am Nachmittag die Nachrichten gestrichen, um den Programmfluss zwischen den Gerichtsshows nicht zu stören.

Larass muss zurzeit Sparmaßnahmen ergreifen, die sehr schmerzhaft sind.

Wieso sind die Veteranen des Journalismus, neben Ihnen Friedrich Nowottny, Klaus Bresser und andere, zurzeit so präsent? Weil die Journalisten Ihrer Generation nicht loslassen wollen oder weil die Jungen es nicht können?

Es gibt nun mal Themen, bei denen jüngere Kollegen gar keine Vergleichsmöglichkeiten haben. 1960 habe ich Kennedy bei seiner Deutschland-Reise begleitet. Fragen Sie mal, wer das hier sonst gemacht hat.

Den Jungen fehlt nur der Erfahrungsschatz?

Es liegt auch an der Ausbildung. Die Jungen sind darauf erpicht, in einzelnen Fächern sehr schnell Erfolg zu haben. Deshalb sind sie an Vorlesungen, Büchern oder Vorträgen, die mit Allgemeinbildung zu tun haben, nicht interessiert. Das war in meiner Zeit anders. Aber wenn ich ehrlich bin, frage ich mich auch manchmal, warum man in diesem Medium so lange überlebt. Ich habe mir jedenfalls sehr genau vorgenommen, wann ich aufhöre. Ohne Namen zu nennen: Beim einen oder anderen Kollegen, den ich im Fernsehen sehe, denke ich manchmal, der sollte besser Hörfunk machen oder Artikel schreiben. So gern anschauen mag ich mir manchen auch nicht mehr.

Wann wollen Sie aufhören?

Sobald ich die ersten Anzeichen verspüre, dass ich nicht mehr ankomme oder nicht mehr geistesgegenwärtig genug bin. Man kann sein Prestige auch verspielen und sich lächerlich machen. Vor vier Jahren war ich Brüssel-Korrespondent, und in Aachen gab es einen Entführungsfall. Weil Brüssel so nah ist, hat man mich dorthin geschickt. Ich kam mir total albern vor, so eine aktuelle, heiße Nummer für die Nachrichten zu machen. Ich würde auch nicht auf die Idee kommen, bei einem Hochwasser die Gummistiefel anzuziehen und den Live-Reporter machen.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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