Medien : Ihr Ruf ist in Gefahr

Hans Mathias Kepplinger

Die Pressefreiheit ist nicht in Gefahr, wenn die SPD über ihre Medienholding die „Frankfurter Rundschau“ kauft. In Gefahr ist das Blatt. Die „FR“ war genau genommen nie eine überregionale Tageszeitung vergleichbar mit der „FAZ“ oder der „Welt“. Die Masse ihrer Leser lebte immer im Rhein-Main-Gebiet, und ihre Bedeutung verdankte die Zeitung nie der Anzahl, vondern immer der Art ihrer Leser.

Die „FR“ gilt als überregionale Qualitätszeitung, weil sie in der linksliberalen Intelligenz und hier vor allem unter Journalisten den Ruf einer zuverlässigen, gut gemachten und unabhängigen Quelle genießt. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren besaß sie einen Einfluss auf die Themen und Tendenzen der deutschen Medien, der weit über ihre Auflage und über ihr Verbreitungsgebiet hinausging. Diesen Rang hat sie längst verloren. Während in den achtziger Jahren noch jeder zweite Journalist regelmäßig die Rundschau las, ist es jetzt nur noch jeder vierte. Weder bei der Themensuche der Journalisten, noch bei der Bewertung ihrer Berichterstattung besitzt die „Rundschau“ heute eine führende Rolle. Mit ihrer Stellung im Journalismus hat sie auch ihren politischen Einfluss verloren. Ende der neunziger Jahre sprachen nur noch 14 Prozent der Bundestagsabgeordneten der „FR“ einen „sehr großen Einfluss“ auf die Parlamentarier zu – die „FAZ“ und den „Spiegel“ nannten jeweils mehr als 40 Prozent. Die „Frankfurter Rundschau“ gehört damit zu den publizistischen Verlierern der letzten zwanzig Jahre.

Die Gründe für diesen Abstieg liegen in der Entpolitisierung weiter Teile der Bevölkerung, vor allem der Studentenschaft, in der ideologischen Entkrampfung im linksliberalen Milieu, in der Etablierung der „taz“ als originellem Außenseiter sowie im Umzug der Bundesregierung nach Berlin und dem damit einhergehenden Aufstieg des Tagesspiegel als bundespolitischem Themensetzer.

Den Abstieg der „Frankfurter Rundschau“ wird die SPD als Miteigentümer nicht aufhalten sondern beschleunigen. Positioniert sich das Blatt wie bisher als Kritiker der SPD-Führung, wird es von den SPD-Linken als Sprachrohr vereinnahmt. Vertritt es zukünftig die Linie der Parteiführung, wird es als Parteiblatt betracht. In jedem Fall werden alle relevanten Beiträge unter parteipolitischen Gesichtspunkten gelesen. Dies führt notwendiger Weise in eine Verliererposition, und der Verlierer ist – zu Recht oder Unrecht – der Anspruch auf journalistische Unabhängigkeit. Die Redakteure des Blattes mögen sich für immun halten, und vermutlich haben sie damit Recht. Aber es geht nicht darum, ob sie immun sind, sondern ob man ihnen das abnimmt. Es geht um den Ruf des Blattes – und der ist mehr denn je in Gefahr.

Der Autor ist geschäftsführender Leiter des Instituts für Publizistik an der Universität Mainz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar