Medien : Im Hurrastil zur WM

RTL präsentiert Taktik und Mannschaftsaufstellung an drei „Super-Sonntagen“

Thomas Gehringer

Fußballdeutschland taumelt elf Wochen vor Beginn der WM mit weichen Knien übers Spielfeld, da klingt das WM-Motto „RTL gibt dir den Kick!“ beinahe wie eine Drohung – und manche der Programmangebote sind es wohl auch. Als einziger privater Sender dürfen die Kölner an drei Sonntagen sieben oder acht Partien der WM 2006 live im frei empfangbaren Fernsehen übertragen. Damit mag RTL neben ARD und ZDF nur ein Nebendarsteller sein, doch diese historische Rolle will der Sender auskosten. Die Spieltaktik lautet „Hurrastil“, nicht „Ball flach halten“. Der Fußball werde schon Wochen vor WM-Beginn in Shows, Reportagen und Magazinen das Programm bestimmen, sagte RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt am Montagabend in einer Disko im Düsseldorfer Medienhafen.

Die Bälle verteilen Studio-Moderator Günther Jauch und Rudi Völler, erfahrene Kommentatoren sind Tom Bartels und Florian König. Doch auf den anderen Positionen ist das RTL-Team dünn besetzt: Der unvermeidliche Oliver Geissen kommt neben Ulrike von der Groeben und „Superstar“-Moderator Marco Schreyl, der im ZDF einst das Boxen präsentieren durfte, als Außenreporter zum Einsatz. Gerne wäre man auch von der rheinischen XXL-Plaudertasche Reiner Calmund verschont geblieben. Doch der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen wird als Experte aufgestellt und durfte sich auch in Brasilien an der Seite von Ulrike von der Groeben als Reporter versuchen. Wie Calmund den armen Pele und andere Brasilianer umarmt, auf dem Amazonas schippert und auf den Zuckerhut klettert, wird in einer „WM-Reportage“ am 18. Juni zu sehen sein. Als Experte in „Punkt 6“ und „Punkt 9“ wurde Olaf Thon gewonnen. Der Ex-Nationalspieler verspricht, schonungslos zu analysieren und „den Finger in die Wunde zu stecken“, was sicher schmerzhaft werden dürfte. Eingewechselt werden noch Fernsehkoch Tim Mälzer für den „WM-Brunch“ an allen drei Sonntagen sowie Model Eva Padberg, zuständig für Promis/Partys.

Es war wie immer vor dem Spiel: Alle strömten Optimismus aus, „Spielführerin“ Anke Schäferkordt versprach „große Leidenschaft“, und Günther Jauch freute sich schlicht darüber, dass er bei seiner voraussichtlich letzten Fußball-WM im eigenen Land „ein bisschen mitwichteln“ dürfe. Dabei hatte RTL kein übermäßiges Losglück: Ein ganz großer Kracher ist an den beiden Vorrunden-Sonntagen nicht dabei. Immerhin spielen am 11. Juni Mitfavorit Niederlande gegen Serbien-Montenegro und am 18. Juni Weltmeister Brasilien gegen Außenseiter Australien. Am 25. Juni darf RTL zwei Achtelfinals übertragen. Wenn Deutschland allerdings Gruppenzweiter wird, tritt das Team von Jürgen Klinsmann an diesem Sonntag um 17 Uhr gegen den Sieger der Vorrunden-Gruppe B an. In diesem Fall haben ARD und ZDF die Lizenz zum Senden.

Immerhin wäre RTL damit ein Problem los: Denn um 19 Uhr startet der Große Preis von Kanada. Sollte das erste Achtelfinalspiel am 25. Juni in die Verlängerung gehen, wird die Übertragung des Formel-1-Rennens auf n-tv oder Vox beginnen. Auch den 11. Juni, den ersten von drei „Super-Sonntagen“, hat die Formel 1 auf ihrem Rennkalender. Allerdings beginnt der Große Preis von Großbritannien bereits um 13 Uhr und kollidiert somit voraussichtlich nicht mit Fußball.

Generalprobe feiert der Sender am 4. Juni mit der Übertragung der letzten Vorbereitungsspiele von Holland (15 Uhr/Gegner: Australien) und Brasilien (18 Uhr/Neuseeland). Bereits im Mai ist Showtime: Oliver Geissen moderiert „Alles Fußball“ sowie „Die ultimative Chart- Show“ rund um die erfolgreichsten Fußballhits, Sonja Zietlow präsentiert die „Die 10 spektakulärsten Fußballmomente“ und Günther Jauch ein Prominentenspecial von „Wer wird Millionär?“.

Reich wird der Sender mit seinem historischen WM-Einsatz vermutlich nicht. Mehr als 20 Millionen Euro dürfte RTL für die acht Partien hingeblättert haben. Die Werbespots seien noch nicht ausgebucht, erklärte Schäferkordt, weil die Frist für das Erstzugriffsrecht der offiziellen Fifa-Sponsoren gerade erst abgelaufen sei. In Zukunft hofft der Sender auf eine weitere Einkommensquelle: RTL hat sich mit 30 Prozent an dem österreichischen Wettanbieter Starbet beteiligt.

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