Im RADIO : Dramatische Hitze, letzte Gegenwehr

Alles Kleist oder was? Was Sie diese Woche im Radio nicht verpassen sollten.

von

Der tödliche Konflikt in Kleists Leben hat die Nachwelt stets zur Interpretation gereizt. Auch Wolfgang Rödels Feature „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“ sucht nach den letzten Gründen für Kleists Scheitern. Der Dichter hat den Ruhm ersehnt, aber nie wirklich gefunden. Keines seiner literarischen und journalistischen Projekte konnte ihn dauerhaft von Geldsorgen befreien. Und da war die familiäre Bindung ans preußische Offiziersmilieu, die schon früh kollidierte mit Kleists radikalem Freiheitsdrang. Zu viel Konflikt für eine einzige Seele, wie Autor Rödel diagnostiziert. Ein Selbstmord, der viel mit Erschöpfung zu tun hatte (Kulturradio vom RBB, 16. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Auf der schwedischen Ostseeinsel Öland gibt es ein unheimliches Wetterphänomen. Ein plötzlich hereinbrechender eiskalter Nebel, der immer wieder Menschenleben fordert. In Johan Theorins Radiokrimi „Nebelsturm“ hat sich Hauptfigur Joakim eben aus der Hauptstadt auf ein kleines Inselanwesen zurückgezogen, da stirbt seine Frau bei einem dieser Unwetter. Scheinbar ist es ein Unfall, aber dann mehren sich die Zeichen für dunkle Hintergründe. Auf der Insel spuken böse Geister, was mit zurückliegenden Verbrechen zu tun hat. Ausgerechnet die junge Inselpolizistin kann die Stimmen der Geister verstehen (Deutschlandfunk, 19. November, 0 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Eine Dame der besseren Gesellschaft wird ohne ihr Wissen und Zutun schwanger und sucht nun per Zeitungsinserat nach dem Vater ihres Kindes. Die Frau muss durch die Hölle gehen, bis sich alles aufklärt, und noch länger dauert es, bis die verwundeten Seelen der Beteiligten ihren Frieden wiederfinden. Heinrich von Kleist hat die berühmte Geschichte der „Marquise von O.“ für eine Zeitschrift geschrieben. Was ein schrilles Sensationsstück hätte sein können, wird bei Kleist zu einer Affäre von enormer dramatischer Hitze. Und darüber hinaus zum Lehrstück über die Zerbrechlichkeit der menschlichen Gefühle, die Grenzen der Vernunft und die Macht der Geduld. Wer wissen möchte, wie die Marquise ihre Lebenskatastrophe meistert, sollte die schöne Hörspieladaption der Novelle beim RBB nicht verpassen (Kulturradio vom RBB, 20. November, 14 Uhr 04).

Während die Eltern das nicht ganz jugendfreie Schicksal der Marquise am Radio verfolgen, kann sich der Nachwuchs zeitgleich an einer kindgemäßen Adaption des Kleistschen Lustspiels „Der zerbrochene Krug“ erfreuen. Die alte Geschichte um einen wertvollen Krug, der in der Nacht von einem zudringlichen Liebhaber zerbrochen wird, und einen Richter, der die Straftat, die er untersuchen soll, heimlich selbst begangen hat. Eine turbulente Geschichte, deren Komik in dieser spielerischen Nacherzählung auch jungen Hörern nicht verborgen bleiben dürfte (Deutschlandradio Kultur, 20. November, 14 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Wie stirbt der Mensch? Das Ende der Atmung, das Erlöschen des Herzschlags und das Versiegen der Hirnströme sind nur Resultate, an die Mediziner sich bei ihren Diagnosen halten. Gotthard Schmidts Feature „Stundenbuch des Todes“ analysiert die Prozesse, die dahin führen. Ein sachlicher Bericht über eine finale Schlacht auf allen Körperebenen. Wie der Tod sich in das Fleisch hineinfrisst und der Körper zur letzten Gegenwehr antritt. Wie es zu Offensiven und Gegenoffensiven kommt, zu Frontbegradigungen, und wie am Ende die Durchbrüche des Feindes immer großflächiger werden. Der Tod ist ein Wort, das Sterben ein langer, hochdramatischer Vorgang (Deutschlandradio Kultur, 23. November, 0 Uhr 05).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben