Im RADIO : Dunkle Denker und Praktikanten

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Im Januar 1988 wurden die Zustände in der DDR wirklich unhaltbar. Wie jedes Jahr gedachte man in Ostberlin der ermordeten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Doch diesmal mengten sich Oppositionelle unters staatstreue Volk und schwenkten handgemalte Transparente mit dem berühmten Luxemburg-Zitat „Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Die Stasi schritt ein, es wurde verhaftet und verurteilt. Aber in den Wochen und Monaten danach entwickelte das Paradox, das sich hier gezeigt hatte, eine staatszersetzende Kraft. Ein Land, das sich beim Gedenken an eine politische Heldin durch ein Wort ebendieser Heldin gefährdet sah, war wohl tatsächlich nicht mehr zu retten. In ihrem Feature „Von der Freiheit der Andersdenkenden“ erinnert Autorin Claudia von Zglinicki an die dramatischen Tage im Januar 1988, als der geistig-moralische Bankrott der DDR nicht mehr zu übersehen war (Kulturradio, 9. Januar, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).



Der Philosoph Giorgio Agamben gilt als der spannendste unter den zeitgenössischen Denkern. Die dunkle Musik seiner Texte fasziniert Künstler und romantische Intellektuelle gleichermaßen. Agamben beschreibt den modernen Menschen als Opfer totalitärer Kontroll- und Disziplinierungsprojekte. Auch der demokratische Westen funktioniert nur über rigide Aus- und Einschlussmechanismen. Die Kehrseite seines gesicherten Wohlstands sind Flüchtlingscamps und Gefangenenlager in den Randzonen.

„Frei oder vogelfrei?“

heißt ein Feature von Michael Reitz, das Werk und Vita des Italieners vorstellt (Deutschlandradio Kultur, 10. Januar, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).



Das Verbrechen geschah 1922. Fünf Tote auf einem Einödhof in Oberbayern, eine ausgelöschte Familie, der Mörder wurde nie gefasst. Andrea Maria Schenkels Krimi „Tannöd“ erzählt von einer vergleichbaren Untat, verlegt sie aber ins bundesdeutsche Jahr 1955. Auch hier wird eine Familie ermordet, die abseits der Dorfgemeinschaft lebt. Ein Chor aus Lebenden und Toten rekapituliert und seziert die Familientragödie im katholisch-bäuerlichen Milieu. Der Roman wurde im letzten Jahr mit mehreren großen Preisen ausgezeichnet. Wer die Lektüre verpasst hat, kann es nun mit einer schönen Hörspieladaption versuchen (Deutschlandfunk, 12. Januar, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).



Was macht eigentlich die Generation Praktikum? In Nikola Richters Hörspiel „Die Lebenspraktikanten“ tut sie, was man von ihr erwartet. Sie lebt nach den Forderungen der idealen Bewerbungsmappe und hält sich fit für alle kommenden Karriereschritte. Die vier Lebenspraktikanten, von denen unser Hörspiel erzählt, trainieren unermüdlich Flexibilität, Kreativität, Anpassungsfähigkeit. Sie knüpfen Kontakte und reisen allen Jobangeboten hinterher. Aber dann sitzen sie doch im falschen Zug, verpassen den Anschluss, steigen zu früh wieder aus. Böse dämmert die Ahnung, dass man sich nicht mehr im geordneten Übergang befindet, sondern bereits in einer Endlosschleife des Prekären (Deutschlandradio Kultur, 14. Januar, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).



Nach den gescheiterten Sozialexperimenten des 20. Jahrhunderts ist es um die Weltverbesserei still geworden. Kann der Mensch wirklich aufhören, von einer schöneren Gesellschaft zu träumen? Bleibt nicht ein utopischer Bodensatz in den Herzkammern, der sich bei nächster Gelegenheit wieder aufrühren lässt? In seinem Radioessay „Das Elend der Utopien“ bilanziert Autor Friedrich Pohlmann die Weltgeschichte der sozialen Träume. Da gibt es Utopien, die von entlegenen Inseln fabulieren. Andere reden über eine Zeit, in der alles ganz anders sein wird. Der Autor hält sie beide für regressive Fantasien. Komplizierter scheint es mit den negativen Utopien, deren berühmteste von Aldous Huxley stammt. Ist die „Brave New World“ nicht schon beinahe Wirklichkeit geworden? (SWR 2, 15. Januar, 21 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz).

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