Medien : Im Radio: Gen-Meister

Wir leben in komplexen gesellschaftlichen Systemen, umgeben von komplizierten technischen Apparaturen. Täglich ändert sich fast alles. Wer da nicht immerzu neu und weiter lernt, so lautet eine Drohung, wird zum Verlierer in der Wissensgesellschaft. Das Kulturradio bewährt sich hier als Helfer in der Not. Es ist eine unermüdliche Bildungsmaschine. Eine pausenlos geöffnete Lehranstalt, die uns in immer neuen Anläufen die Welt erklärt. "Biotopien" heißt eine Reihe im Südwestradio, die der Zukunft der Biowissenschaften gewidmet ist. Die Karte des Genoms ist gezeichnet, nun stehen praktische Übungen auf dem Programm. Beinahe stündlich fallen heute die Tabus, wenn es um humangenetische Experimente geht. "Tanz ums Gen" nennt Eva Schindele ihre Sendung über die Utopien des Biotech-Zeitalters. Wenn die genetischen Blütenträume reifen, werden sich die Grenzen zwischen Zufall und Planbarkeit, Schicksal und Verantwortung auf noch unabsehbare Weise verschieben. Einerseits können wir dann handeln, wo wir heute noch erdulden müssen. Andererseits entsteht ein ganz neuer Katalog der Zwänge. Können wir uns, fragt die Autorin mit subtiler Pointe, von unseren Genen emanzipieren? (SWR 2, heute um 8 Uhr 30, UKW Kabel 107,85 MHz).

Das alles sind Probleme, denen bereits Martin Heidegger nachspürte. Wissenschaftliches Weltbild und die Allgegenwart technischer Apparaturen schaffen eine Lebensrealität, der man sich nicht einmal mehr in Gedanken entziehen kann. Leben im Gestell, nannte es Heidegger. Der Einsatz von Technik verwandelt Natur in etwas, das mit immer mehr Technik kontrolliert werden muss. Man denke an den heutigen Reaktorabfall, der noch technisch betreut werden muss, wenn die Grabsteine unserer Urenkel längst zerfallen sind. "Wege ins Denken" nennt Astrid Nettling ihren Heidegger-Essay, der zum 25. Todestag des Meisters über dessen Aktualität im Zeitalter der Hochtechnologie nachsinnt (Deutschlandfunk, 24. Mai, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Wer ständig im Zwang lebt, bekommt es eines Tages vielleicht mit der Angst zu tun. "Angst als Rohstoff" heißt das passende Feature von Andrea Appel. Einerseits ist Angst ein lebenswichtiger Affekt, der uns vor Schaden bewahrt. Andererseits eine Krankheit, die rapide zunimmt, glaubt man den aktuellen medizinischen Statistiken. Leben wir in einer Angstgesellschaft? Liegt es nicht in der menschlichen Natur, sich ständig an neue Wirklichkeiten anzupassen? Dann könnte wohl nicht einmal das Kulturradio uns retten (Radio Kultur, 25. Mai, 19 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

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