Medien : Im Radio: Grenzerfahrungen

In fünf Sekunden werden die Reisenden sterben. Noch rasen sie durch den Raum, fühlen sich geborgen in der technischen Apparatur, die ihre Leiber umhüllt. In Guy Helmingers Radiodrama "Fünf Sekunden Leben" dehnen sich diese letzten Sekunden zur Länge eines ganzen Hörspiels. Man belauscht das Innenleben einer Gruppe von Todgeweihten. Blicke aus dem Fenster, Wahrnehmungen, Reflexionen, Erinnerungen. Aus vielen Kurzszenen formen sich die Figuren, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Eine Zukunft wird es nicht geben. Auf einer zweiten Ebene ist der äußere Geschehensablauf protokolliert. Die letzten fünf Sekunden vor einem tödlichen Verkehrsunfall. Eine bizarre und beeindruckend dramatische Idee. Ahnen die Opfer bis zuletzt nichts von der Nähe des Todes? Gibt es eine Art Witterung, kurz bevor die Schlinge sich zuzieht?

Helmingers Stück verweigert sich mystischen Spekulationen. Die Spannung entsteht ganz aus der Differenz zwischen der Ahnungslosigkeit der Figuren und dem Wissen des Hörers. Noch fünf Sekunden. Eine unwiderstehliche Einladung zum Voyeurismus (Deutschlandfunk, 5. Juni, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Kaum weniger dramatisch geht es zu, wenn heutzutage über die Zukunft der Biotechnologie gestritten wird. Im Parlament schlägt die Stunde der Philosophen, das moralische Pathos wird enorm. Vielleicht geht es aber ja tatsächlich um die ganz großen Zukunftsfragen. Der Übermensch aus den Genlabors, die wissenschaftlich konstruierte Gesellschaft.

"Bio-Commerce" heißt eine Sendung von Falk Fischer, die wirtschaftliche Hintergründe des Aufstiegs der Biotechnologien untersucht. Der Zwang zum Handeln entsteht nicht, weil Kranke um Rettung flehen. Ein Kampf um Märkte und Patentrechte ist entbrannt. Wenn wir es nicht tun, machen es andere, heißt die argumentative Allzweckwaffe der Pragmatiker. Rein ökonomisch gesehen gibt es kein vernünftiges Gegenargument (SWR 2, 2. und 9. Juni, 8 Uhr 30, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wer Erholung von den Schrecken des Fortschritts sucht, ist bei Vladimir Nabokov stets gut aufgehoben. Jeden Morgen wird Nabokovs zauberhafter Roman "Pnin" auf Radio Kultur vorgelesen. Hauptfigur ist der gebürtige Russe Timofey Pnin, Sprachlehrer in der amerikanischen Provinz. Ein slawisches Fossil in der Neuen Welt. Eine wahrhaft tragikomische Figur. Pnin ist jede Träne der Rührung wert, die man seinetwegen vergießt (Radio Kultur, wochentags um 8 Uhr 30, UKW 92,4 MHz).

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