Im RADIO : Liebender Mann und das Kapital

Ein Hörspiel im SWR über Martin Walsers schön trauriges Buch über die schön traurigen Geschichten alter Männer, ein Feature im Deutschlandradio Kultur über Konflikte in Patchworkfamilien und ein Sendung über Statusssymbole.

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Der Soziologe Pierre Bourdieu hat das zeitgenössische Bürgertum um ein paar Illusionen ärmer gemacht. Wo die Mittel- und Oberschichten an ihre reich ausgeprägte Individualität glauben, entdeckte Bourdieu nur Gruppennormen und Gruppenzwänge. Bildungswege, kulturelle Interessen, ästhetische Vorlieben – all das sind verbindliche Statussymbole, an denen sich orientieren muss, wer zu den besseren Kreisen dazugehören will. Bourdieu prägte den Begriff des kulturellen Kapitals, das neben dem ökonomischen die Gesellschaft regiert. Im Feature „Die Herrschaft des kulturellen Kapitals“ porträtiert Nora Bauer den französischen Denker, der in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden wäre (Deutschlandradio Kultur, 29. Juli, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Die Kinder haben es immer gewusst. Ernst Jandl ist der größte unter den Wortmusikern. Ein Mann, dessen Scherze schlauer sind als eine Vernunft, die nicht tanzen kann. Dabei wurde der Dichter noch in den sechziger Jahren als Verbalkasper und Kulturrowdy beschimpft. Heute gehören Jandls Texte zum Schulstoff, was seiner Lebendigkeit keinen Abbruch getan hat. In ihrer Langen Radionacht „zerbrochen sind die harmonischen krüge“ beschwören Heide und Rainer Schwochow noch einmal die Sprachmagie des Österreichers. Experten aller Art äußern sich über dessen Lebensleistung, und natürlich ist Jandls grimmige Heiterkeit ausgiebig im O-Ton zu bewundern (Deutschlandradio Kultur, 31. Juli, ab 0 Uhr 05).

Selbst außerhalb unserer Städte können wir heute nur noch einen Bruchteil der Sterne sehen, die am Himmel leuchten. Es hat mit einem Phänomen zu tun, das Astronomen gerne Lichtverschmutzung nennen. Ein nicht nur für Romantiker betrüblicher Sachverhalt, wie Sabine Frank im Feature „Der Tod der Nacht“ berichtet. Durch exzessiven Gebrauch des elektrischen Lichts gerät auch die Tier- und Pflanzenwelt in Bedrängnis. Zugvögel können weniger gut navigieren, Pflanzen nur eingeschränkt Fotosynthese betreiben. Myriaden von Insekten verenden an künstlichen Lichtquellen. Sogar der Mensch, der gewisse Hormone nur bei Dunkelheit produziert, ist gefährdet, wenn die Nacht überall zum Tag gemacht wird (Kulturradio vom RBB, 31. Juli, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Dass Patchworkfamilien heute allgegenwärtig sind, gilt oft schon als Beweis für ihr reibungsloses Funktionieren. Aus der Nahdistanz betrachtet, sieht manches komplizierter aus. Im Feature „Ein Gefühl des Erstickens“ beobachtet Autorin Beate Becker die Konfliktlinien in einer modernen Patchworkfamilie. Ihre Protagonistin ist eine kinderlose Mittvierzigerin, die in einer festen Beziehung mit einem geschiedenen Mann lebt. Der hat aus erster Ehe drei Kinder, die jedes zweite Wochenende zu Besuch kommen. Von der zweiten Frau wird jetzt eine temporäre Hausfrauen- und Mutterrolle erwartet, für die sie weder durch besondere emotionale Zuwendung noch durch gesellschaftliche Anerkennung belohnt wird. Wie der Titel des Features schon verrät, eine problematische Situation, die so oder ähnlich den meisten Patchworkern bekannt sein dürfte (Deutschlandradio Kultur, 31. Juli, 18 Uhr 05).

Goethe ist nicht nur wegen seiner literarischen Werke berühmt, sondern auch wegen diverser biografischer Anekdoten. Nehmen wir nur die letzte Liebe des Weimarer Geheimrates, die einer 54 Jahre jüngeren Frau galt. Der alte Dichter hat sich 1823 in Marienbad verliebt, wurde beinahe erhört und dann doch verschmäht, was zur Produktion eines bezaubernden Reigens von Elegien führte. „Ein liebender Mann“ heißt der Roman, den Martin Walser kürzlich in dieser Angelegenheit veröffentlichte. Ein schön trauriges Buch über die schön traurigen Gefühle alter Männer, das nun auch in einer schönen Hörspieladaption genossen werden kann (SWR 2, 1. August, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

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