Im RADIO : Mythen und Madonnen

Tom Peuckert weiß, was Sie im Radio nicht verpassen dürfen.

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Eines Tages sind wir alle dabei. Im häuslichen Kokon mit der ganzen Welt kommunizieren, die tausend besten Freunde auf der Datenautobahn treffen. Wer bis jetzt noch abseits steht, kann sich von Feature-Autorin Astrid Mayerle einiges aus der schönen neuen Welt sozialer Netzwerke erzählen lassen. Die Wachstumsraten bei Facebook, Twitter und anderen virtuellen Gemeinden sind astronomisch, der Augenblick globaler Gesamtverbindung scheint absehbar. Aber welche Folgen hat das? Ist das Leben 2.0 mit dem Leben vergleichbar, wie wir es kannten? Ähnelt ein Facebook-Freund noch irgendwie den Freunden, die wir früher hatten? Für ihr Feature „Meine 147 Freunde und ich“ trifft Mayerle Fetischisten, Sympathisanten und Dissidenten der neuen digitalen Sozialkultur (Kulturradio vom RBB, 19. Januar, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Fast alle Figuren des norwegischen Dramatikers Jon Fosse haben mit dem Meer zu tun. Sie leben am Fjord, sie fahren zum Fischen aufs Wasser hinaus und manchmal auch zum Sterben. Sie fühlen eine dunkle Sehnsucht, in der Natur zu verschwinden, spurlos in die Elemente einzugehen. Eigentlich haben sich die beiden Männer in Fosses Hörspiel „Ich bin der Wind“ nur zum Segeln verabredet, aber daraus wird eine Reise auf Leben und Tod. Zwei Männer in einem winzigen Boot auf offener See. Fosse macht daraus eine sublim rhythmisierte Ballade aus dem Geist der nordischen Mythologie, geprägt von minimalistischen Wiederholungen, die das Kreisende und in sich Verbohrte zweier Existenzen kunstvoll nachbildet (Deutschlandradio Kultur, 19. Januar, 21 Uhr 33, UKW 89,6 MHz).

Eine ältere Dame hat auf dem Trödelmarkt für wenig Geld eine Madonna aus Porzellan erworben. Bald merkt sie, dass es sich nicht um irgendein Stück Nippes handelt, sondern um einen wertvollen Sakralgegenstand. Die Madonna stammt aus einem süddeutschen Schloss der Hohenzollern. Die neue Besitzerin macht eine befreundete Kriminalistin auf ihren Fund aufmerksam. Wenig später wird die Madonna geraubt und ein Mann ermordet. Im Krimi „Die Hechinger Madonna“ von Joy Markert führen die Spuren tief ins schwäbische Kernland und zurück in die deutsche Geschichte. Zur süddeutschen Linie der Hohenzollern und zu den Atombomben des Kalten Kriegs. Gesucht wird ein Mann mit außergewöhnlich kleiner Schuhgröße. Aber welche Rolle spielt ein ominöses Erdbeben, das in den Siebzigern das Schwabenland erschütterte? (SWR 2, 20. Januar, 22 Uhr 03, Kabel UKW 107,85 MHz)

In der neueren russischen Kunst wird die Symbolwelt der Diktatur gern zu popästhetischen Spielen genutzt. Aus stalinistischem Pathos wird postmoderne Ironie, aus blutigem Ernst ein schillerndes Spiel der Paradoxe. Nun scheint das Verfahren auch in die russische Politik einzuwandern, wie das Feature „Nieder mit Putin! oder Wenn ich Stalin sage, will ich provozieren!“ von Gisel Erbslöh erzählt. Die Autorin berichtet aus der Szene der russischen Nationalbolschewisten, einer extremistischen Bewegung, deren Parteiprogramm irritierende Synthesen aus linken und rechten Parolen bietet und deren Embleme die Bildsprache der Nazis wie der Kommunisten zitieren. Einige Anführer der Nationalbolschewisten sind Literaten, die auch in Bürgerkriegen gekämpft haben. Momentan ist die Partei verboten, trotzdem geben ihre Protagonisten bereitwillig Auskunft (Deutschlandfunk, 21. Januar, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Die Gesellschaften des einstigen Ostblocks waren bekanntlich monokulturell organisiert. Die Lebenswelt der Menschen endete spätestens an der Landesgrenze. Aber es gab spektakuläre Ausnahmen, wie das Feature „Der lange Weg der Sowjetmädchen von Moskau nach Bamako“ von Nicole Marmet erzählt. Hauptfiguren sind vier russische Frauen, die einst afrikanische Männer heirateten und ihnen in die Heimat folgten. Nach Kindheit und Jugend im disziplinierten Osten begann für sie ein zweites Leben im anarchischen Süden. Ein radikaler Bruch mit allen sozialen Erfahrungen, ein Tanz über kulturellen Abgründen, eine weibliche Bewährungsprobe der besonderen Art (Kulturradio vom RBB, 23. Januar, 14 Uhr 04).

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