Im RADIO : Mythen und Moneten

Die ersten Tankstellen der Welt, die Prekariatsdebatte und "Urban Gardening": Tom Peuckert verrät, was man im Radio nicht verpassen sollte.

Vor 100 Jahren waren in den USA schon eine Menge Autos unterwegs. Der Treibstoff zum Fahren wurde auf recht wilde Weise erworben. Etwa an einer Benzinbar, wo gefüllte Benzinkanister über den Tresen wanderten. Im Jahr 1913 buddelte man dann an einer Allee in Pittsburgh zum ersten Mal einen Tank in die Erde und baute einen Kiosk mit weit ausladendem Dach darüber. Die Tankstelle war geboren. Im Feature „Als der Benzinkanister über den Tresen gereicht wurde“ erzählt Autor Bernd Polster von der nun hundertjährigen Geschichte einer Institution, die zum Ursymbol unserer Kultur geworden ist (Deutschlandradio Kultur, 18. Juli, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Wer in jungen Jahren der intellektuellen Großmode des Strukturalismus gefolgt ist, wird an Roland Barthes nicht vorbeigekommen sein. An den Sirenengesängen eines Pariser Intellektuellen, der unsere alltäglichen Überzeugungen als raffiniert gesponnenes Netz der Mythen dekonstruierte und hinreißende Bücher über Kunst und Künstler verfasste. Auch über das Schreiben und die verschlungenen Wege zur literarischen Selbstbetätigung hat Barthes Vorlesungen gehalten und Essays veröffentlicht. Das Feature „Wie eine schöne Wolke am Himmel“ von Roland Koch erzählt, was angehende Autoren alles bei Barthes lernen können (Deutschlandfunk, 20. Juli, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Einerseits ist das Leben schon immer prekär gewesen. Andererseits gibt es in unserer Gesellschaft heute eine Prekariatsdebatte, die um die größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich und eine allgemein gewordene Unsicherheit im Berufsleben kreist. Das Feature „Meine Armut kotzt mich an“ von Elke Brün und Ralph Gerstenberg untersucht, wie in der neuesten deutschen Literatur die Misere der Unterschicht und der wachsende materielle Druck im kapitalistischen Gehäuse registriert und beschrieben werden. Vier Romanciers werden porträtiert, deren Bücher sich auf je eigene Weise mit den großen sozialen Konflikten der Gegenwart auseinandersetzen (Deutschlandradio Kultur, 22. Juli, 0 Uhr 05).

Während die letzten Schrebergärten aus unseren Innenstädten verschwinden, hat ein Phänomen namens „Urban Gardening“ Konjunktur. Bunte Polster um Straßenbäume, Beete auf Brachflächen, Gemüse im Pflanzkübel hinter der Mietskaserne. Handelt es sich nur um den flüchtigen Spleen moderner Großstadtbewohner, oder geht es doch um wichtigere Dinge? In seinem Feature „Saat des Sieges“ diagnostiziert Autor Michael Lissek die urbane Gärtnerei als Reaktion auf das prognostizierte Ende des Ölzeitalters. Wenn eines Tages die Großstrukturen unserer Lebensmittelindustrie zusammenbrechen, bleibt immer noch listige Selbstversorgung. Kartoffeln, Karotten und Tomaten aus eigenem Anbau direkt vor der Haustür. Mit einer Collage aus historischen und aktuellen Dokumenten lädt der Autor zu einer verblüffenden Gedankenreise (Deutschlandfunk, 22. Juli, 20 Uhr 05).

Mit jedem Durchbruch in der Transplantationsmedizin wächst der Wert menschlicher Ersatzteile. Vieles kann repariert werden, wenn nur geeignete Organe zur Verfügung stehen. Der gesellschaftliche Druck auf jeden Einzelnen, sich nach dem Tod ausschlachten zu lassen, nimmt zu. Das Feature „Die Untoten“ von Martina Keller verfolgt die Wege der modernen Transplantationsmedizin. In vielen europäischen Staaten müssen Ärzte nicht mehr den Hirntod ihrer Spender abwarten, sondern dürfen bereits nach einem Herzstillstand Organe entnehmen. Obwohl mittlerweile sogar der Hirntod als sicheres Kriterium für das Ende des Lebens angezweifelt wird. Das ethische Fundament der Transplantationsmedizin gerät ins Wanken (Deutschlandfunk, 24. Juli, 19 Uhr 15).

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