IM RADIO : Spitzel und andere Fieslinge

Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten.

Tom Peuckert

Zur Hinterlassenschaft der DDR gehörte bekanntlich ein Riesenheer an Spitzeln und Spionen. Professionelle Spanner, die ihr Handwerk an Hochschulen gelernt hatten, und nebenberufliche Zuträger, die für ihren Job nicht mehr brauchten als die passende Charakterdisposition. Für sein Feature „Vertrauen und Verrat“ hat Autor Otto Langels ehemalige Stasi-Mitarbeiter gefunden, die zwanzig Jahre nach dem Konkurs ihres Arbeitgebers über das Leben als Geheimdienstler sprechen wollen. Warum wird jemand zum Spitzel? Welchen Preis ist man bereit zu bezahlen? Gibt es moralische Grenzen des Verrats? Jenseits von „James Bond“ und „Das Leben der Anderen“ interessiert sich Langels für das Innenleben einer übel beleumdeten Berufsgruppe, die ja auch in der Demokratie ihr Auskommen findet (Deutschlandradio Kultur, 9. September, 19 Uhr 30, UKW 89,6 MHz).

Ungefähr 100 000 Vietnamesen leben in Deutschland. Viele kamen als Vertragsarbeiter in die DDR und durften nach deren Ende bleiben, sofern sie keine Sozialleistungen beanspruchten. Ehepartner zogen nach, Kinder wurden geboren, die heute fast schon erwachsen sind. Das Feature „Wir haben zu essen und eine Wohnung. Jetzt müsst ihr studieren“ von Ulrike Bajohr taucht tief ein in das Leben einer diskreten Minderheit unter den Deutschen. Eine Fülle biografischer Geschichten, die vom zähen Kampf der Vietnamesen um ihren Platz in der Gesellschaft erzählen. Die Eltern haben mit Garküchen, Lebensmittelläden und Änderungsschneidereien eine ökonomische Basis geschaffen, nun träumen sie vom sozialen Aufstieg ihrer Kinder. Hochschulbildung ist Sehnsuchtsziel, harte Arbeit gilt als unabdingbare Voraussetzung. Doch die Entfremdung zwischen den Generationen wächst. Das Feature zeichnet das repräsentative Bild einer Lebenswirklichkeit, die den wenigsten Deutschen bekannt sein dürfte (Deutschlandfunk, 11. September, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

„Ich geh jetzt Neuköllner machen“, sagt der Bezirksbürgermeister zweimal im Monat zu seiner Sekretärin. Dann hängt er sich seine Amtskette um den Hals und hält eine Rede auf der Einbürgerungsfeier, die mit dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne endet. Das Feature „Werde ich mit Singen deutsch?“ von Inge Braun und Helmut Huber erzählt von ausländischen Mitbürgern, die einen deutschen Pass haben möchten. Vom normalen bürokratischen Weg zwischen Antragstellung und feierlichem Gelübde. Von Prozeduren und Tests, Ängsten und Erwartungen. Im Mittelpunkt stehen jene, die ihre alte Staatsangehörigkeit unbedingt loswerden wollen und dafür auch Dinge tun, die manche Deutsche als Zumutung betrachten würden. Dazu gehören dann die eingehende Beschäftigung mit dem Grundgesetz und das lückenlose Einstudieren der Nationalhymne (Deutschlandradio Kultur, 12. September, 18 Uhr 05).

Gelähmt vor Angst steht ein Junge im Schwimmbad auf dem Sprungbrett. Mit grobem Psycho-Jargon analysiert eine depressive Frau sich selbst in Grund und Boden. Etliche fiese Männer schildern ihre schmutzigen Tricks im Geschlechterkampf. Das ist das Personal in den Erzählungen des Amerikaners David Foster Wallace. Lakonische Porträts gewalttätiger, hinterhältiger oder selbstmitleidiger Egomanen, das tragikomische Bild einer redseligen Gesellschaft, der die Selbstachtung abhandengekommen ist. Wallaces schockierende Prosasammlung „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ ist nun in einer schönen Hörspielfassung zu erleben (SWR 2, 13. September, 18 Uhr 20, Kabel UKW 107,85 MHz).

Irgendwann kam die Werbung auf die Idee, Sparsamkeit und Erotik miteinander zu verbinden. Geiz ist geil, hämmerte es von tausenden Plakatwänden und wurde für viele Menschen zur umfassenden Lebensphilosophie. Steckt hinter diesem Slogan mehr als doch mehr als nur die kreative Witzigkeit der Werbebranche? Das Feature „Die Biologie der Sparsamkeit oder Von der Kunst, genügsam zu sein“ von Nora Bauer betrachtet Sparsamkeit als fundamentale Lebenstugend. Protestantische Ethiken sind darauf gegründet worden, zuweilen gilt sie als Essenz des kapitalistischen Wirtschaftens. Ihr Zerrbild ist die Knausrigkeit, die entfesselte Sorge ums Materielle, die zuverlässig jeden Lebensgenuss verhindert. Das Feature interessiert sich besonders für biologische Perspektiven auf die Sparsamkeit. Hier erscheint sie als wohlbegründeter humaner Instinkt, der beim Kampf ums Dasein Vorteile sichert. Eine Botschaft, die in der Konsumgesellschaft natürlich nicht übermäßig gern gehört wird (Deutschlandfunk, 13. September, 20 Uhr 05).

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