Im RADIO : Von Simon Rattle zu Heiner Müller

Den Jahreswechsel vor dem Lautsprecher verbringen? Warum nicht? Tom Peuckert verrät, was Sie nicht verpassen sollten

Tom Peuckert

Bob Dillon, die Hauptfigur in der turbulenten Krimikomödie „Der Kammerjäger“ von Bill Fitzhugh arbeitet als Schädlingsbekämpfer in New York. Ein zarter, sensibler Kerl, sein Lebenstraum ist eine ökologisch unbedenkliche Kammerjägerei. Aber dann wird Bob entlassen und der Zufall spielt verrückt. Er bewirbt sich auf eine Zeitungsannonce als „professioneller Schädlingsbekämpfer“ und landet bei einer Killervermittlungsagentur. Man hält ihn für einen furchtbar gefährlichen Mann, die einen wollen ihn als Mörder engagieren, von den anderen wird er aus allen Rohren beschossen. Bob würde den Tag nicht überleben, stünden Zufall und Missverständnis nicht immerzu auf seiner Seite (Deutschlandradio Kultur, 31. Dezember, 18 Uhr 30, UKW 89,6 MHz)

Wer den Silvesterabend ganz unorthodox verbringen will, könnte es mit den Kulturwellen des Radios probieren. Die letzte Nacht des Jahres vorm Lautsprecher verbringen, allein in der warmen Radiohöhle, unbelästigt vom pyrotechnischen Nahkampf auf den Straßen. Wir empfehlen ein ausgiebiges Channelhopping. Der Abend beginnt mit einer katholischen Meditation unter dem Titel „Träumenden öffnet sich der Himmel“. Autorin Felicitas Kirchgässner erklärt die religiöse Dimension unserer Tag- und Nachtträume (Kulturradio vom RBB, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz). In der Berliner Philharmonie hat Simon Rattle ein „Amerikanisches Konzert“ dirigiert: Kompositionen von Gershwin, Copland, Barber und dem US-Emigranten Kurt Weill (Deutschlandradio Kultur, ab 19 Uhr 30). Der Kabarettist Urban Priol schaut auf das fast verflossene Jahr 2008 zurück. „Tilt!“ nennt er seine Revue sozialer Kuriositäten (Deutschlandfunk, 21 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

Der Maler Ernst Ludwig Kirchner hat faszinierende Bilder geschaffen, die unsere sinnliche Erfahrung auf den Kopf stellen. Aber Kirchner war auch sein Leben lang krank und drogensüchtig. Er flüchtete vor der Welt in ein einsames Alpendorf, mit 58 Jahren schoss er sich tot. Das schöne Hörspiel „Ernst Ludwig Kirchner: Inside/Out“ von Elke Heinemann zeichnet die Künstlertragödie in einer akustischen Collage nach (Kulturradio vom RBB, 1. Januar, 14 Uhr 04).

Das letzte Theaterstück von Heiner Müller war ein poetischer Gewaltmarsch durch die Gründe und Abgründe der deutschen Geschichte. In „Germania 3“ beschwor Müller wenige Jahre nach dem Untergang der DDR die Lemuren der jüngeren Vergangenheit noch einmal herauf. Die Hörspielfassung des Dramas überrascht mit einem ästhetischen Geniestreich: der Schauspieler Ulrich Mühe gibt sämtliche Rollen. Pünktlich zum 80. Geburtstag, den Müller in diesen Tagen gefeiert hätte, wird das Hörspiel noch einmal aus den Archiven geholt (Deutschlandradio Kultur, 4. Januar, 18 Uhr 30).

Kein Ende der Heiner-Müller-Festspiele: In seinem Langgedicht „Ajax zum Beispiel“ schlug Müller den Bogen von der Antike zur Gegenwart. Im Bild des mythischen Verlierers Ajax, der vor Troya um die Früchte seiner Heldentaten gebracht wird, erkannte der Autor sich selbst: Nach dem Ende des kommunistischen Experiments war er ein Sänger ohne Land, ein Poet der verlorenen Utopie, ein Denker des abgelebten Gedankens (Deutschlandfunk, 6. Januar, 20 Uhr 10).

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