Im RADIO : Wahnsinn in Mecklenburg

Im Hörspiel "Fallda, ich zucke" sucht ein Schriftsteller im dörflichen Idyll nach seiner eigenen Geschichte, im Feature "Eat what you kill" berichten entlassene Banker von den Ursachen der Finanzkrise.

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Für den Roman seiner Kindheit erhielt Peter Wawerzinek in diesem Jahr den Bachmann-Preis. Die Geschichte eines Jungen aus Mecklenburg, der von einem Tag auf den anderen staatlicher Fürsorge anheimfällt, weil seine Mutter sich gen Westen absetzt. Die eigene Familie, Kindheit und Jugend sind keine neuen Themen in Wawerzineks Werk, wie das schöne Hörspiel „Fallada, ich zucke“ beweist, das vor über zehn Jahren entstand. Wawerzinek spricht darin die Hauptrolle eines Schriftstellers, der sich auf die Suche nach der eigenen Geschichte begibt. Ein dörfliches Idyll in Mecklenburg, hinter dem Wahnsinn lauert, eine Familie, die nichts versprach und nichts hielt, ein Leben, das sich immer fremd geblieben ist (Kulturradio vom RBB, 15. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Das Innenleben des Finanzmarktes erkundet Anna Katharina Laggners Feature „Eat what you kill“. Die Autorin hat Angestellte der Wallstreet getroffen und sie über ihre beruflichen Erfahrungen befragt. Es handelt sich um Banker, die während der großen Krise entlassen worden sind, was ihre Aussagefreudigkeit deutlich erhöht. Gespräche über das Schwimmen in den Geldströmen und die Frage, wieso trotz dramatischer Turbulenzen weiter enorme Vermögen angehäuft werden. Eine Recherche zu den Ursachen der Krise (Deutschlandradio Kultur, 16. Oktober, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Deutsche Statistiker wissen ziemlich genau, wie Normalität hierzulande aussieht. Demografen und Konsumforscher kennen die Standards einer mittleren Lebensführung, deren hervorstechendes Merkmal eben ist, dass sie von so vielen geteilt wird. Andererseits möchte fast jeder Zeitgenosse etwas Besonderes sein. Wir glauben gern, dass der moderne Mainstream aus lauter Individualisten besteht. Wiebke Matyschoks Feature „Total normal“ untersucht die Spannungen zwischen existenziellem Mittelmaß und der Sehnsucht, ihm zu entkommen. „In der Mitte wirst du am sichersten gehen“, schrieb der römische Dichter Ovid, was noch immer instinktiv als Wahrheit erkannt wird. Warum aber fällt es uns so schwer, das auch zuzugeben? (Deutschlandfunk, 17. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz)

Ein dramatisches Phänomen im politischen Betrieb ist der Rücktritt. Ein Mensch, der sich eben noch im Glanz seiner Macht sonnte, tritt von der Bühne ab. Allein in diesem Jahr traten Roland Koch, Horst Köhler und Ole von Beust zurück. In ihrem Feature „Zeit, zu gehen“ untersucht Autorin Katja Bigalke die Rücktrittsdramaturgien der Politik. Die Öffentlichkeit deutet den Rücktritt gern als grundsätzliches Krisensymptom, auch der allgemeine Bedeutungsverlust der Politik wird häufig bemüht. Das Feature kommt zu einem gegenläufigen Fazit: Trotz aller Muster und Rituale steckt hinter jedem Abgang eine ganz individuelle Geschichte (Deutschlandradio Kultur, 18. Oktober, 19 Uhr 30).

Eine junge Frau hört urplötzlich auf zu sprechen. Eben war sie noch mit Freunden im Konzert, jetzt ist sie komplett verstummt. Paul Plampers Hörspiel „TACET“ erzählt, was nun um diese Frau herum geschieht. Es reden der Lebensgefährte, die Eltern und Kollegen, Therapeuten und Mitpatienten. Ein hyperrealistisch tönender Diskurs, in den sich bald auch Wut und Hysterie mischen. Warum genau die Frau aus der Welt der gesprächigen Normalität so radikal ausbricht, kann der Hörer nicht wissen. Dass sie gute Gründe dafür hat, daran lässt Plampers beeindruckende Versuchsanordnung wenig Zweifel (Deutschlandfunk, 19. Oktober, 20 Uhr 10).

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