Im RADIO : Zweifel und Verzweiflung

Tom Peuckert

Die deutsche Literatur der frühen fünfziger Jahre hat Wolfgang Koeppen fast im Alleingang geschrieben. Drei große Romane veröffentlichte er zwischen 1951 und 1954, zwei davon kommen nun in neuen Hörspieladaptionen ins Radio. „Das Treibhaus“ erzählt von den Gründerjahren der Bonner Republik. Hauptfigur ist SPD-Politiker Keetenheuve, ein tragischer Reflexionsmensch, der viel begreift, aber nur wenig bewirken kann. In „Der Tod in Rom“ treffen Anfang der Fünfziger die Zweige einer deutschen Familie in Italiens Hauptstadt aufeinander. Zur Familie gehören ehemals engagierte Nazis, Opportunisten und Opfer. Nun werden die Gespenster der Vergangenheit wieder lebendig (SWR 2, 21. Mai und 24. Mai, jeweils 18 Uhr 20, Kabel: UKW 107,85 MHz).

Vor gut einem Jahr kam eine UN-Studie zu dem Schluss, in keinem Land der Welt könne man besser leben als in Island. Wenige Monate später war Island bankrott. Was mit dem Paradies eigentlich passiert ist, erzählt Hannelore Hippe in ihrem Feature „Bananen Shake auf Island“. Eine Geschichte über raffinierte Tricks, mit denen eine Handvoll Isländer ihre Landsleute ausplünderten. Über große kriminelle Energie und noch größere Naivität. Über ein trotzdem schönes Land, in dem die Stimmung heute besser ist als die wirtschaftliche Lage (Deutschlandfunk, 22. Mai, 19 Uhr 15, UKW 97,7 MHz).

New York im Jahr 1942. In einem Zimmer des „Hotel Bedford“ lebt der deutsche Emigrant Klaus Mann. Ein homosexueller Schriftsteller, der seinem Leben durch den Eintritt in die amerikanische Armee einen neuen Sinn geben möchte. Bei ihm ist ein Junge, der sich Loser nennt und behauptet, er sei auf der Flucht vor der Einberufungsbehörde. Erzählt Loser die Wahrheit, oder ist er nur eine Kreatur des FBI? „Hotel Bedford“ heißt das Hörspiel von Horst Königstein und Torsten Schulz über die Zweifel und Verzweiflungen des Exils, über die Sehnsucht des Emigranten nach einer neuen Heimat und nicht zuletzt über die tragische Innenwelt der Künstlerfamilie Mann (Kulturradio vom RBB, 22. Mai, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

Einerseits ist uns niemand näher als die eigene Mutter. Andererseits liegen oft Abgründe zwischen den Generationen. „Mutter. Ein Bericht“ hat Autor Peter Klein die Erinnerungen an seine verstorbene Mutter überschrieben. Annäherung an ein Leben, das vertraut und fern zugleich gewesen ist. Im Mittelpunkt der Recherche steht das Bild einer alten, aus der Zeit gefallenen Frau. Den Sohn hat es in die Städte verschlagen, die Mutter verharrt in ihrer dörflichen Existenz. Hartnäckig verweigert sie jedes Arrangement mit der Gegenwart, sie lebt und denkt nach den eigenen altertümlichen Spielregeln. Die Welt der Mutter als ein exotischer Kontinent, der hier eindringlich erforscht wird (Deutschlandradio Kultur, 23. Mai, 18 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

Als der Russe Michail Lermontov sein Prosawerk „Ein Held unserer Zeit“ schrieb, war er Anfang zwanzig. Ein namenloser Soldat des Zaren, verbannt in den Kaukasus. Lermontovs Novellen kreisen um einen jungen Offizier namens Pecorin, der eben dieses Schicksal erleidet. Später hat man in Pecorin das literarische Urbild des „überflüssigen Menschen“ gesehen. Ein Typus, in dem sich die russische Intelligenz der Zarenzeit massenhaft erkannte. Lermontov selbst starb 27-jährig bei einem Duell. Wie so viele russische Talente warf er sein Leben einfach weg. In einer schönen Radiofassung kann das Schicksal seines traurigen Helden Pecorin nun nachgehört werden (Deutschlandfunk, 23. Mai, 20 Uhr 05).

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