Medien : Immer an der Wand lang

Wenn es draußen stürmt und regnet, bieten Berlins Kletterhallen den Alpinisten eine Alternative

Silvia Stillert

Schnee wie in den Alpen wird der Kletterer hier nicht finden, wenn er es bis oben geschafft hat. Einen Kick für das Selbstbewusstsein aber allemal. Doch zuvor muss er hinauf, Stück für Stück.

Wie bunte Kleckse wirken die farbigen Handgriffe an den bis zu 15 Meter hohen Felswänden in der Weddinger Kletterhalle Magic Mountain. „Alle Handgriffe einer Farbe markieren eine Kletterroute. Jede Farbroute hat einen anderen Schwierigkeitsgrad“, sagt Grischa Neubert, Mitarbeiter und angehender Sportwissenschaftler. Die Routen sind aber keine Pflicht beim Klettern. Wer will, kann quer durch den Farbengarten nach oben kraxeln. Neubert nennt das dann „Regenbogenklettern“.

Freeclimbing, das gesicherte Klettern an einem Felsen, ist in Berlin schon seit einiger Zeit sehr beliebt, denn nicht jeder macht sich gleich auf die Reise ins Gebirge. Ob Banker oder Bauarbeiter, „man merkt, dass die Menschen eine Alternative zum Fitnessstudio suchen“, hat Neubert beobachtet. Für das Allround- Sporterlebnis neben den Kletterwänden auf 2300 Quadratmetern Fläche gibt es aber auch hier einen kleinen Fitnessbereich, Sauna und Bar.

Kleine Kraxler können hier auch Kindergeburtstag feieren. Ein Tisch ist mit zehn Tellern gedeckt, mit bunten Luftschlangen geschmückt. Für die Bergsteiger in spe gibt es zuerst einen Schokoladen-Muffin und im Anschluss neunzig Minuten betreutes Klettern. Auch Firmen buchen schon mal einen Kletternachmittag für ihre Mitarbeiter, um über die extreme körperliche Situation beim Ersteigen der Wand Teamfähigkeit, Koordination und Motivation zu schulen.

Denn neben den sportlichen Faktoren wie Ausdauertraining, Krafttraining für Rücken-, Rumpf- und Beinmuskulatur, sagt Grischa Neubert, „spielt auch die Psyche eine große Rolle. Es kommen Menschen auch mit Höhenangst und überwinden ihre Barrieren. Manchmal auch ganz unbewusst.“ Denn jeder geschaffte Zentimeter vergrößert zugleich das Selbstwertgefühl.

Emmanuel weiß das schon längst. Er ist als 16-Jähriger bei einem Urlaub in den Bergen zum ersten Mal geklettert. Mittlerweile geht er seit mehr als zwanzig Jahren in die Höhe, am liebsten natürlich in der freien Natur. „Beim Klettern muss man sehr konzentriert sein. Es ist eine Herausforderung und zugleich etwas, das mich beruhigt.“ Viele reden ähnlich wie der Bergfreak Emmanuel vom Klettern als einer Alternative zu Yoga. „Das Aufgehen in der Situation und die Körperspannung“ sind Erfahrungen, von denen Bergsteiger Hallenmitarbeiter Grischa Neubert oft vorschwärmen. Andere gucken nur zu – und haben trotzdem Spaß. Wie Emmanuels Frau, die auch das fünf Monate altes Baby mit an den Magic Mountain genommen hat.

Alpinist Emmanuel klettert als Erfahrener schon den Vorstieg. Das bedeutet, dass er sein Seil selbst von Karabiner zu Karabiner einhakt. Er wird zwar von unten gesichert, braucht aber mehr Zeit und Kraft. Das will gelernt sein.

Anfänger beginnen mit der Toprope-Technik, bei der das Seil oberhalb des Kletterers umgelenkt wird und am Sicherungspartner auf dem Boden befestigt ist. Wer ganz ohne Seil klettern will, der kann sich im so genannten Boulderbereich austoben. Hier kann geklettert werden ohne Seil, ohne Sicherungsgurt, ohne Ein- und Aushaken und ohne Partner. Die Verletzungsgefahr ist gering, da der Boden mit dicken Matten ausgelegt und die Höhe der Kletterwände niedrig ist. Doch sicher ist sicher: Die Stiftung Warentest hat bereits vor drei Jahren zwanzig Kletteranlagen in Deutschland auf Attraktivität, Sicherheitsaspekte und Service getestet – Magic Mountain in Berlin stand ganz oben am Gipfel.

Ist es das Ziel des Kletterers, oben anzukommen? „Es ist wie im wirklichen Leben“, sagt Grischa und lächelt, „für die einen ist das Ziel das Ziel, für die anderen ist es der Weg.“

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