Medien : In Resten nichts Neues

Thomas Clarks Biografie über den Filmpaten Leo Kirch / Von Michael Jürgs

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Als sich Thomas Clark unlängst bei der Springer-Hauptversammlung dem Subjekt seiner Begierde näherte, mit dem er für sein Buch „Der Filmpate – der Fall des Leo Kirch“ nicht hatte reden können, weil der alle Gespräche an sich und über sich verweigert, bekam er zumindest ein exklusives Zitat von dem einst mächtigen Gefürchteten. Und den hörbaren Beweis, dass König Leo ohne Land nicht mehr viel behalten hat, aber seinen Witz schon. Was er denn zum Vorabdruck des Werkes sagen würde? „Das meiste kannte ich schon“, erwiderte Leo Kirch trocken.

Das geht nicht nur ihm so.

Clark ist Medienredakteur der „Financial Times Deutschland“ („FTD“) und fit fürs Tagesgeschäft. Über den Tag hinaus reicht die Kondition nicht. Am Ende seiner in die eigene Bedeutung verliebten Einleitung wünscht er dem Leser „Gute Unterhaltung“. Die mag sich für Laien einstellen. Wer die Branche kennt, entdeckt in den Resten nichts Neues. Die kokette Übertreibung des Verfassers dagegen, er hoffe für seine Fehler nicht wie einst Al Pacino im „Paten“ mit dem Leben büßen zu müssen, wird sich jedoch erfüllen. Für Enthüllungen dieser Art wird man im wahren Leben allenfalls mit einer negativen Kritik bestraft. Dies ist eine, sorry.

Der Autor beginnt mit dem Schlüsselsatz: „Du meine Güte, wo soll ich anfangen?“ So jedenfalls nicht. Gärtner Clark hat aus der Not, das vom Masterplaner angelegte Kirch-Geflecht nicht durchforsten zu können, einen eigenen Garten angelegt. Ausgetretene Pfade, Sprachgirlanden, Stilblüten – „Auch in Deutschland schütteln Eingeweihte den Kopf“ – „Der Satz geht wie ein Lauffeuer um die ganze Welt“ – „…überschlagen sich derweil die Medienberichte mit Schuldzuweisungen“ – „Kreatives Chaos in Büros, die aus allen Nähten platzen.“ Um in seiner Sprachgewalt zu bleiben, die dem Lektor trotzte: Er ließ dem Kirch sein Dorf.

Übertragen von schiefer Bilderkunst ins journalistische Handwerk: Weil der Verfasser keine Fähren zum Thema benutzt, paddelt er im Ungefähren. Taucht ins Haifischbecken ein als Seeadler und auf als Suppenhuhn. Der Drang Kirchs zum Beispiel, in Todesverachtung jedes Risiko einzugehen, hänge zusammen mit dem schweren Autounfall seiner Frau vor mehr als vierzig Jahren, der ihn da ereilten Schockdiabetes und der konsequenten Erkenntnis, was Schlimmeres als den Tod vor Augen könne es fortan nicht mehr geben, also Murdoch, Beisheim, Stoiber, Springer, Berlusconi, Mohn, Schröder undsoweiter. Nach diesem Muster webt Clark seinen Stoff. Weil es ihm nachlesbar an Neuem mangelt, lässt er uns alles noch einmal lesen, was wir längst wissen aus den Kirch-Artikeln auf den Medienseiten deutscher Zeitungen, auch der „Financial Times Deutschland“, die eine der guten im Lande ist.

Seine Geschichten vom Aufstieg des Weinbauernbubs aus Franken zum inzwischen halbblinden Medientarzan, der beim Sprung zur höchsten Palme im globalen Mediendschungel die Liane nicht mehr erwischte, sind alt. Einzig die lustvoll erzählten Ereignisse von der letzten Weihnachtsfeier der großen Kirch-Familie und ihres Patriarchen lassen Aha-Freuden aufkommen.

Die spannendsten Drehbücher schreibe bekanntlich das Leben, erfahren wir. Aber mitschreiben können müsste man schon. Deshalb gilt, was Clark seinem Buch als Motto aus dem Alten Testament vorangestellt hat: „Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch…“

Im Jargon von Keglern wird als Pudel eine Nullnummer bezeichnet. So eine neben das Ziel rollende Kugel ist dieses Buch. Man erfährt über Nebenfiguren alles, was man nie wissen wollte, und über die Hauptfigur Kirch nichts, was man nicht schon wusste. Statt „facts and figures“, die fein erzählt eine faktenreiche Figur ergeben könnten – nur verwaiste Binsen. Dass der Katholik keinen Urlaub kennt und nach dem sonntäglichen Kirchgang ins Büro geht, weiß man. Dass er dabei seine Getreuen um sich schart, ist bekannt. Dass der Pate eigentlich ein freundlicher Mensch ist, doch gemeingefährlich beißen kann, nun ja. Wer nicht in diesem Gewerbe?

Wo nichts zu Staunen bleibt, gibt es erstaunliche Erkenntnisse, über die im Sinne der vom Autor gewünschten guten Unterhaltung wenigstens gelacht werden darf. Das Verhältnis von Friede Springer zu ihrem Vorstandschef Mathias Döpfner, der mit einem taktischen Schachzug das Matt des Konzernpartners Leo Kirch einläutete, ist selten simpler beschrieben worden: „Endlich ein Mensch, der traditionelle Werte mit jugendlicher Tatkraft kombiniert. Da wird schon die eine oder andere Erinnerung an ihren seligen Mann wach.“

Meine Favoriten unter vielen Clarks: „Im selben Jahr, nur einige Monate früher, wird Norma Jean Baker geboren. Als Marilyn Monroe wird sie später weltberühmt und ihre Filme bringen auch Leo Kirch jede Menge Geld ein. Doch das weiß der Säugling ns Leo natürlich noch nicht…“ und „Wie viel Umsatz und Gewinn seine Firmengruppe macht, darüber hält sich Leo Kirch so bedeckt wie der Gralshüter über das Geheimnis des Grals…“

Fazit: Wer in den vergangenen 40 Jahren nie eine Zeitung gelesen hat, wird sich nach der Lektüre informiert fühlen. Die Biografie Leo Kirch aber muss noch geschrieben werden.

Der Autor war früher Chefredakteur des Wochenmagazins „Stern“. Er schrieb unter anderem die Biografien „Bürger Grass“ und „Der Fall Axel Springer“.

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