Inflation der Jahresrückblicke : Katastrophe Fernsehen

Joachim Huber

Auch dieses Jahr endet am 31. Dezember. Eine banale Feststellung, ganz gewiss, und doch notwendig. Die großen deutschen Fernsehsender drehen an der Uhr. Vom 4. bis zum 28. Dezember wird aufs Jahr zurückgeblickt. Sat 1 eröffnet den Reigen mit Neueinkauf Johannes B. Kerner, am 6. Dezember bilanziert Thomas Gottschalk für das Zweite, RTL schickt Günther Jauch am 13. Dezember ins Rennen. Drei stundenlange Zusammenfassungen in zehn Tagen – ist das Weltfernsehrekord? Die ARD folgt am 28. Dezember mit Tom Buhrow. Damit wird in jedem Fall die deutsche TV-Bestmarke gerissen, so viel Jahresrückblick war noch nie.

Das deutsche Fernsehen ist auf Wettbewerb getrimmt, wenn auch in der absonderlichen Disziplin der televisionären Rückschau. Damit sich die Einfalt des Programms nicht in der Einfalt der Sendungen wiederfindet, werden die Redaktionen viel Geld in die exklusiven Bilder und Gästelisten investieren müssen. Hat das Jahr ausreichend Glück und Unglück, Witwen und Waisen angehäuft? Alle müssen sich vom 1. Januar des nächsten Jahres mehr anstrengen. Ansonsten die Sender sich gezwungen sehen, am Ende des Jahres mit den immergleichen Sensationen und Perversionen zu langweilen. Und das die Agenda 2010 für alle: Zuschauer müssen in ihrer fernsehfreien Zeit Katastrophen liefern, wenn das Fernsehen nicht zur Katastrophe werden soll. Wer sich täglich 221 Minuten Glotzen herausnimmt, der hat Lieferpflichten.

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