Medien : Infos unter Frischhaltefolie

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Werbeplakate, auf denen im Berliner Wahlkampf zu lesen war: "Keine Macht den Tätern" - das war das letzte Feuerwerk, das der Hörfunksender Hundert,6 veranstaltet hat. Die "sich heute PDS nennende SED" ("B.Z." vom 8. Januar 2001) ist trotzdem in der Regierung der Hauptstadt angekommen. Das viele schöne Geld für die Werbeplakate ist futsch. Und das, obwohl Hundert,6 finanziell auch nicht

gerade dick gepolstert ist. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile geht es dort ans Eingemachte.

Auf der Webseite von Hundert,6 gibt es einen Film, in dem sich der Sender selbst darstellt. Dort heißt es, es gebe Nachrichten "zwei Mal pro Stunde, 48 Mal am Tag" - und zwar "immer topaktuell". Und im Radio ist die Stimme zu hören: Hundert,6 - Das Berlin-Radio sendet "frische Infos statt schaler Gags". Doch nicht immer sind die Infos so frisch, wie sich das die Hörer von einem Radiosender wünschen, der damit wirbt, "schnelle, umfassende Informationen" zu bringen. Manche Nachrichtensendung, von der der Hörer glaubt, sie werde jetzt, in diesem Moment, von einem Nachrichtensprecher live am Mikrofon gelesen, kommt in Wirklichkeit aus der Konserve. Hundert,6 hat ein sehr modernes Redaktionssystem, da ist es möglich, fast alles auf Automatik zu stellen. Die Nachrichtensprecher von Hundert,6 machen sich in jüngster Zeit einen Spaß daraus, nach der Schicht vom Sender nach Hause zu kommen und sich dann noch einmal selbst im Radio sprechen zu hören.

Schon bei der Weihnachtsfeier wurden Veränderungen angekündigt. Und das betraf nicht nur das gute Dutzend Mitarbeiter aus Technik, Marketing und Redaktion, dem Geschäftsführer Georg Gafron auf einen Schlag gleich zu Beginn des neuen Jahres mitteilte, er könne auf sie verzichten. Seit dem 5. Januar gilt die Regelung: Live gibt es die Nachrichten nur noch alle zwei Stunden (nachmittags zwischen 14 und 20 Uhr im Anderthalb-Stunden-Takt), dazwischen gilt: "VP". So steht es auf dem Plan "für den internen Gebrauch", der dem Tagesspiegel vorliegt. VP bedeutet, dass vorproduzierte Nachrichten gesendet werden. Der Redakteur liest die Nachrichten also einmal live und bespricht dann nach der Sendung nur noch das Band mit den Uhrzeiten, zu denen die Konserve abgespielt wird. Den Rest übernimmt der Computer. Es kann also passieren, dass im Fall eines Server-Problems die Uhrzeit 10 Uhr 30 zu hören ist - dabei ist es schon elf.

Natürlich hat der Redakteur die Möglichkeit, das Band zu unterbrechen und eine topaktuelle Nachricht mitzunehmen. Wenn das allerdings kurz nach Schichtwechsel passiert, der anwesende Redakteur also ein anderer ist als derjenige, der auf Band gesprochen hat, ist das so, als ob bei "heute" mit Petra Gerster mittendrin plötzlich Klaus-Peter Siegloch auftauchen würde. Wer würde sich da nicht wundern?

Man könnte nun glauben, dass es schlecht steht um den Sender Hundert,6, der zu hundert Prozent im Besitz von Leo Kirchs Sohn Thomas ist. Immerhin ist Hundert,6 ein informationsorientiertes

Vollprogramm und profiliert sich nicht zuletzt durch seine Nachrichtenredaktion. Doch die großzügigen Räumlichkeiten im Trigon-Gebäude, in dem der Sender noch immer sitzt, werden immer leerer. Viele Quadratmeter ungenutzte Fläche, endlose, einsame Flure. Weshalb sendet Hundert,6 Nachrichten teilweise als "Konserve vom Band"? Wie verträgt sich das mit dem Aktualitätsanspruch des Senders? Wird der Gesellschafter an Hundert,6 festhalten? Georg Gafron war am Freitag zu keiner Stellungnahme bereit. Über seinen persönlichen Assistenten Sebastian Manz ließ er übermitteln: "Wir haben nichts mitzuteilen."

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