Medien : Inszenierst du noch …

oder argumentierst du schon? – Medien und Politik 2004

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Das Superwahljahr 2004 nähert sich dem Ende. Insofern erinnerte der Politikkongress, der bis Dienstag in Berlin stattfand, fast an einen Rückblick. Er fiel nicht sehr positiv aus, glaubt man dem Chef des ARD Hauptstadtstudios, Thomas Roth. Seiner Ansicht nach waren Politiker und Politikjournalisten noch nie so eng ineinander verschlungen wie in diesem Jahr. Ein Grund sei gewesen, dass wegen der Reformen noch nie so komplexe Sachverhalte in so kurzer Zeit unter den Bedingungen eines Dauerwahlkampfes zu vermitteln gewesen seien. Beides habe dazu geführt, dass die Journalisten dazu neigten, das Vokabular der Politik zu übernehmen. Zugleich habe die Analyse unter dem Tempo der Informationen gelitten. Politik habe sich „in Echtzeit“ abgespielt, an die Stelle der Analyse sei die emotionale Inszenierung getreten. Dadurch seien die Sachverhalte nicht besser vermittelt worden – im Gegenteil: Die Parteien erschienen austauschbar, statt politischer Argumente darzulegen hätte insbesondere das Fernsehen nur Politisierendes gebracht. Die Folge: Viele Wähler blieben ratlos, verloren Vertrauen und verweigerten die Wahl.

Klaus-Peter Schöppner vom Institut Emnid machte dies an der Zahl der politisch Interessierten fest, die 1985 bei 48 Prozent der Bevölkerung lag und 2004 gerade mal bei 24 Prozent. „Inszenierst du noch – oder argumentierst du schon?“ verballhornte Schöppner den Ikea-Slogan und forderte Politiker und Berater auf, sich auf Inhalte zu konzentrieren. Der Begriff der „neuen Ernsthaftigkeit“ schwirrte durch die Kongressräume. Der Appell richtete sich auch an die Medien. Beide Seiten kennt Michael Spreng, der daran erinnerte, wie er als Chef der „Bild am Sonntag“ die Politikerin Heidemarie Wieczorek-Zeul den privaten Kleiderschrank öffnen ließ, um mit diesem Foto ein Interview zu illustrieren. Auch ließ sich Rudolf Scharping von der „BamS“ beim Abnehmen seines Bartes fotografieren. Als Journalist habe er das klasse gefunden, sagte Spreng. „Als deren Berater hätte ich beide davon abgehalten.“ usi

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