Integration : Lernen für Deutschland

20 Menschen aus verschiedenen Kontinenten und Kulturen - alle wollen, einige müssen besser Deutsch lernen. Für einen Teil ist der Integrationskurs Pflicht. Bei Abbruch droht ihnen die Kürzung von Sozialleistungen. Eine Arte-Dokumentation über Integrationskurse.

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Recht lernen.
Recht lernen.Foto: © Karin Jurschick

Was ihnen in Deutschland auffällt, sollen die ausländischen Kursteilnehmer fotografieren. Den einen haben es Verkehrsschilder wie „Einbahnstraße“ angetan. Ein Araber lichtet einen Sexshop ab. Bei anderen haben sich die Illusionen offenbar schon verflüchtigt: Einer wundert sich über gut gekleidete Menschen, die in Mülleimern nach Pfandflaschen wühlen. Eine Frau hat ein Foto in einer Straßenbahn geknipst. Alle Fahrgäste blicken ernst und müde in verschiedene Richtungen. „Leute hier sind immer traurig“, sagt sie.

In der Volkshochschule Köln versammelt sich die Welt im Kleinen und soll integriert werden. 20 Menschen aus verschiedenen Kontinenten und Kulturen, aus Somalia, Afghanistan, China, Marokko oder der Dominikanischen Republik. Alle wollen, einige müssen besser Deutsch lernen und über Geschichte, Kultur und die Rechtsordnung Deutschlands aufgeklärt werden. Für einen Teil ist der Integrationskurs Pflicht. Bei Abbruch droht ihnen die Kürzung von Sozialleistungen. Andere versprechen sich davon bessere Chancen bei der Arbeitssuche. Der Erfolg ist, jedenfalls gemessen am Abschluss, bescheiden: Nur etwa ein Viertel aller Teilnehmer in Deutschland besteht am Ende die Prüfung. Von den 20 Personen im Kölner Kurs brachen acht vorzeitig ab, nur einer schaffte den Abschluss im ersten Anlauf.

Karin Jurschick hat den Kurs, der insgesamt 645 Unterrichtsstunden umfasst, für ihren 90-minütigen Dokumentarfilm „Zertifikat Deutsch“ begleitet. Die Stärke des Arte-Films ist, dass die Autorin kein Thesenpapier über Integrationspolitik vorlegt. Sie vertraut ihren Bildern und Beobachtungen und kommentiert selbst nur das Nötigste. Aber auch so wird deutlich, dass derart kunterbunte Lerngruppen schnell mit der Deutsch-Nachhilfe überfordert sind. Manche Protagonisten haben schon mit einzelnen Buchstaben schwer zu ringen, am Ende sollen sie Begriffe wie Nationalsozialismus oder Rechtsstaat verstehen. „Der Staat hat recht“, kreuzen einige an.

Einzelne besucht Jurschick auch zu Hause und am Arbeitsplatz. Wie den Chinesen Liang Gui Zhuo, einen dreifachen Vater, der Mitte der 90er Jahre in Deutschland (vergeblich) Asyl beantragte, weil ihm während der Ein-Kind-Politik Chinas Verhaftung und Zwangssterilisation drohten. Liang arbeitet nun in einem Pizzaservice, lacht viel, sein Schrank in der Einzimmerwohnung hängt voller Vokabel-Spickzettel. Ausführlicher erzählt Jurschick noch die Geschichten von drei Frauen aus Somalia, Tansania und der Dominikanischen Republik sowie eines Marokkaners. Für alle ist die Fremdsprache Deutsch das Mittel zur Verständigung. Ob es auch jenseits der Unterrichtszeiten ein Miteinander gab, lässt der Film offen.

Erhellend und bisweilen komisch ist „Zertifikat Deutsch“, wenn Jurschick die Übungen mit dem Lernmaterial einfließen lässt. Experten haben sich die fiktive Einwanderergeschichte eines Ukrainers ausgedacht. Er findet sich bestens zurecht, denn er spricht nahezu perfekt Deutsch. Beim Bewerbungsgespräch fällt der Chefin ein Stift runter, da bastelt der Ukrainer ihr bei der ersten Führung durch die Werkstatt einen Stiftehalter. Schon hat er den Job. So leicht geht das also mit der Integration. Thomas Gehringer

„Zertifikat Deutsch“, Arte, 22 Uhr 35

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