Internet : Die Macht der Bilder

Das neue Nachrichtenportal zoomer.de richtet sich an die jungen Menschen. Ihre Meinung zählt: Sie entscheiden mit, welche Informationen zu Topstories werden. Das Ergebnis lässt sich sehen.

Kurt Sagatz
Wickert
zoomer.de: Ulrich Wickert ist Mitherausgeber des neuen Nachrichtenportals. -Foto: dpa

So kompakt standen Nachrichten noch nie zusammen. Der Amoklauf von Illinois, Klaus Zumwinkel, Berlinale, Raabs Song Contest, Astronaut Schlegel auf der ISS sowie acht weitere wichtige Themen auf einer Fläche, die selbst auf den Bildschirm des kleinsten Sub-Notebooks passt, so präsentiert sich die Startseite des neuen Nachrichtenportals Zoomer.de. Wie das geht? Weil Bilder im Netz mindestens genauso aussagekräftig sind wie fette Überschriften, werden die Nutzer von zoomer.de über Fotos, Grafiken und Videos in die News hineingezogen.

„Zoomer.de ist das neue Nachrichtenportal für die Generation von heute“, erklärt Mitherausgeber Ulrich Wickert im „Video-Zoom“, in dem der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator das Portal und das Redaktionsteam vorstellt. „Hier gibt es Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Wissen, Sport und Unterhaltung. Nachrichten, die Euch wirklich interessieren. Ihr entscheidet, was wichtig ist“, verspricht Wickert. Neun Monate nach den ersten Planungen geht das Nachrichtenportal, das wie Tagesspiegel, „Zeit“ und StudiVZ zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört, jetzt in den Regelbetrieb.

Zoomer.de richtet sich an Menschen unter 35

Das Wickert-Video lässt keine Zweifel: Dieses Nachrichtenportal wendet sich an eine andere Zielgruppe als Spiegel online und Co. „Zoomer.de richtet sich an Menschen unter 35. Und diese neue Internetgeneration tickt anders“, sagt Zoomer-Geschäftsführer Peter Neumann: „An eine Zeit ohne E-Mail, Instant Messaging und Social Networks können sich diese Nutzer gar nicht erinnern.“ Zwölf Millionen Deutsche gehören zu dieser Gruppe, die zu über 90 Prozent im Netz unterwegs ist. „Anders als die erste Internetgeneration haben sie beim Thema Nachrichten noch keine feste Home Base“, sagt Neumann.

Insgesamt 40 Internetredakteure arbeiten an zoomer.de, das Durchschnittsalter liegt bei dreißig Jahren: „Chefredakteur Frank Syré und ich sind die Einzigen, deren Alter mit einer vier beginnt“, sagt der 40-jährige Peter Neumann, der ebenso wie Syré zuvor für T-Online gearbeitet hat. Genau genommen arbeitet die Redaktion für zwei Internetauftritte. Unter dem Dach von Zoomer.de am Landwehrkanal mit Blick auf den Potsdamer Platz entsteht sowohl das neue Newsportal als auch der Internetauftritt von tagesspiegel.de.

„Relevanz ist uns wichtiger als Vollständigkeit“

Die neue Informationslogik beschränkt sich nicht nur auf die Optik. „Relevanz ist uns wichtiger als Vollständigkeit“, sagt Chefredakteur Syré. Nicht die klassische Ressortaufteilung, sondern die Bedeutung einer Nachricht bestimmt die Gewichtung im Top-Themen-Bereich. Direkt darunter stehen die anderen festen Elemente wie die Videoblogs in der Rubrik „Meinungsmacher“, in der neben Ulrich Wickert auch die Zoomer-Herausgeber und Tagesspiegel-Chefredakteure Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt Position beziehen.

An zoomer.de fasziniert Casdorff vor allem der Reiz des völlig Neuen. „Zoomer, das sind Nachrichten journalistisch vorbereitet, journalistisch aufbereitet – und dann direkt von den Lesern begutachtet. Die Leser und wir lernen miteinander und voneinander. Davon bleibt keiner unberührt“, so der Zeitungsmann. Zu den Top-News und Kommentaren kommen Tickernachrichten im „Nachrichten-Zoom“ und direkt darunter die News für die Internetgemeinde im „Netz-Zoom“. In der „Gegensprechanlage“ hat der Leser das Wort und kann sich zum Beispiel darüber auslassen, warum er Eisbärenbabys doof findet.

Der Demonstrant ist uns nicht weniger glaubwürdig als ein Polizeisprecher"

Die Nutzer von zoomer.de sind gleichberechtigte Co-Chefredakteure des neuen Nachrichtenportals. Sie haben bei der Platzierung der Themen die Zweitstimme. Die Redaktion entscheidet nach Aktualität, was auf die Agenda gesetzt wird. Die User vergeben Punkte für ihr Interesse am Thema. Die Gesamtpunktzahl entscheidet, womit die Webseite aufmacht. Der Nutzer kann aber auch Autor werden.

„Mich hat es sehr beeindruckt, mit welcher Fachkenntnis ein Ingenieur in einem Internetforum die möglichen Ursachen des Einsturzes einer achtspurigen Brücke in Minneapolis erläutert hat“, sagt Peter Neumann und kündigt an: „Wir wollen solche Experten wie den Brückenbauer bei uns zu Wort kommen lassen“. Oder ein Attac-Aktivist könnte berichten, was er am Zaun beim G-8-Gipfel in Heiligendamm erlebt hat. „Der Demonstrant ist für uns nicht weniger glaubwürdig als ein Polizeisprecher“, sagt Neumann und ergänzt: „In beiden Fällen muss die Redaktion nachrecherchieren. Und wie oft hat es nicht gestimmt, was der Polizeisprecher gesagt hat?“

Persönliche Nachrichten auf den Schreibtisch

Was bedeutet das in der Praxis? Der Online-Redakteur setzt ein Thema zusammen mit dem Chefredakteur auf die Seite. Wird ein Thema stark angeklickt, können rasch weitere Redakteure hinzugerufen werden, die das Thema vertiefen, Hintergrundstücke recherchieren, Grafiken erstellen oder im Netz nach Videos Ausschau halten oder diese sogar selbst erstellen. Zudem werden die Themen um Presseschauen oder Links zu relevanten Blogs ergänzt.

Ignorieren die Nutzer hingegen ein Thema, rutscht es automatisch nach hinten, bis es komplett von der Seite verschwindet. Das muss keineswegs zu einer Boulevardisierung führen, sagt Chefredakteur Syré. Das Thema Mindestlohn oder die Berichte über die Nokia-Werkschließung in Bochum seien mindestens genauso relevant. Während es nur die besonders interessanten und relevanten Nachrichten zum Topthema schaffen, will zoomer.de den Nutzern aber auch die News präsentieren, die nur für sie persönlich interessant sind. Über eine personalisierte Nachrichtensuche kann man sich darum auch über ausgefallene Themen wie Kirschkernweitspucken oder sein Modellbauhobby auf dem Laufenden halten.

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