Internet-Fernsehen : Jeder sein eigener Programmdirektor

Immer mehr Internetunternehmer machen etablierten Fernsehsendern Konkurrenz. Allerdings sind die Programme bislang eher zweitklassig. Und die Großen rüsten zum Gegenangriff.

Jona K. Kohl
Internet-Fernsehen
Abrufbereit. Die Plattform "Joost" bietet mehr als 70 Kanäle zur freien Auswahl. -Foto: Promo

Rebellen sehen anders aus: Auf Fotos wirkt der schwedische Internetunternehmer Niklas Zennström wie ein schüchterner Student. Von revolutionärem Charisma keine Spur. Doch der Schein trügt. Zennström, 41, hat sich schon mit den mächtigsten Managern dieser Welt angelegt. Als Mitbegründer der Musiktauschbörse „KaZaA“ stürzte er die Plattenfirmen in eine tiefe Krise. Und mit „Skype“, einem System zum kostenlosen Telefonieren im Internet, brachte er die Telekommunikationsriesen gegen sich auf. Mit gutem Grund kann man daher behaupten: Der Skandinavier mit dem zurückhaltenden Lächeln ist in der Lage, ganze Industrien zu zerstören.

Nun hat es Zennström, der einst auf der Flucht vor gegnerischen Anwälten phantomartig durch ganz Europa reiste, auf die Fernsehsender abgesehen: Gemeinsam mit seinem Freund Janus Friis gründete er Anfang des vergangenen Jahres „Joost“, eine digitale Fernsehplattform im Internet. Noch ist das Programm nur als Testversion für ausgewählte Nutzer auf dem Markt, die kommerzielle Variante ist in Arbeit. Doch Branchenbeobachter prophezeien schon jetzt: Das Projekt könnte ein wahres Lauffeuer auf dem Fernsehmarkt entfachen.

Programm nach Lust und Laune

Bei „Joost“ kann sich der Zuschauer Spielfilme, Soaps, Shows und Dokumentationen ansehen: nicht anders als etwa bei RTL, Sat 1 oder Pro7. Dabei ist er jedoch nicht an feste Zeiten gebunden. Ganz im Gegenteil: Nach Lust und Laune darf er sein eigenes Programm zusammenstellen. Dafür stehen ihm auf rund siebzig Kanälen hunderte von Formaten zur Verfügung. Wie zu Hause auf dem DVD-Player kann er die Sendungen jederzeit starten, vor- und zurückspulen: Willkommen in der neuen Fernsehwelt.

Mit der guten alten Glotze hat das wenig zu tun. Aber gerade deswegen könnte aus „Joost“ etwas ganz Großes werden: Ein Name, der die Strahlkraft von Marken wie „Apple“ oder „MTV“ besitzt, ein flimmerndes Symbol der Jugendkultur. Und das liegt nicht nur daran, dass alles bei „Joost“ nach Glamour, Pop, Coolness und Kreativität zu schreien scheint. Viel entscheidender ist: „Joost“ macht den Zuschauer zu seinem eigenen Programmdirektor.

Ein äußerst zeitgemäßes Geschäftsmodell: „Schon heute laden die Leute im Netz nur das herunter, was sie interessiert“, sagt Julia Wirges, Producerin bei dem Musiksender MTV: „Bald werden sie im Fernsehen auch nur das sehen wollen, was ihnen tatsächlich gefällt.“ Und selbst ZDF-Intendant Markus Schächter sagt: „Spätestens seit der Funkausstellung 2006 wissen wir, dass IP-TV die Zukunft gehört.“ Es sieht also ganz so aus, als ob Zennström und Friis auf eine Goldader gestoßen wären. Doch die Skandinavier sind nicht die einzigen, die aus der Idee Kapital schlagen wollen. Auch andere steigen in das Geschäft mit dem werbefinanzierten Fernsehen aus dem Internet ein. Etwa die in Irland ansässige Firma „Babelgum“ oder „Zattoo“, ein Unternehmen mit Sitz in San Francisco.

Damit wächst eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die großen TV-Sender heran. Ohnehin haben diese in den vergangenen Jahren Werbeeinnahmen verloren, denn gerade jüngere Zuschauer tummeln sich lieber auf Internetseiten wie „myspace“ oder „flickr“ als Fernsehen zu schauen. Aber noch gelingt es den Großen der Branche, die Massen an die Bildschirme zu fesseln. Und Quote bringt bekanntlich Kohle: Deshalb versuchen die Start-ups nun, sich einen Teil aus diesem Kuchen herauszuschneiden.

Die deutschen Sender ziehen nach

Aber so einfach geben sich die traditionellen Sender nicht geschlagen. Auch sie haben mittlerweile das Internet entdeckt. So rüstet etwa der Musiksender „MTV“ auf. Er zeigt seine Formate nicht mehr nur im Fernsehen, sondern auch im Netz. „MTV Overdrive“ heißt das Portal, auf dem man wie bei „Joost“ sein eigenes Programm zusammenstellen kann. Auch Marktführer „RTL“ will die Revolution mit einer Gegenrevolution bekämpfen. Er bietet eine Auswahl seiner Sendungen auf der Seite „RTLnow“ an. Darunter die Krimireihe „CSI Miami“ und die Gameshow „Entern oder Kentern“.

Man sieht: Die alten Platzhirsche bringen sich in Form. Daher werden es ihre Herausforderer nicht leicht haben, sich auf dem Markt durchzusetzen. Ein hippes und kreatives Image mag zwar helfen, garantiert aber noch lange keinen durchschlagenden Erfolg. Entscheidend ist der Zugang zu guten Formaten. Die sind der wichtigste Rohstoff der Fernsehindustrie. Spannende und unterhaltsame Sendungen sind aber teuer. Ein Problem für die Herausforderer. „Babelgum“ etwa zeigt auf zwölf Kanälen rund 670 Stunden Programm. Darunter vor allem anspruchsvolle Kurzfilme und Dokumentationen. Zum Beispiel einen Film über den 1975 ermordeten äthiopischen Kaiser Haile Selassie. Mit solchen Formaten gewinnt man vielleicht Preise, aber noch längst keine Masse an Zuschauern.

Besser sieht es da schon bei „Joost“ aus. Erst vor kurzem haben die Skandinavier Deals mit Viacom, Warner Bros. und CBS abgeschlossen. Dadurch konnten sie sich Programmperlen wie den Promi-Ulk „Punk’d“ mit Hollywoodstar Ashton Kutcher oder den Reality-Klassiker „Survivor“ sichern. Aber solche Sendungen sind eher die Ausnahme. Auch „Joost“ versendet in erster Linie zweitklassige Ware. Jedenfalls bisher noch. Etwa auf dem Kanal „Sports Illustrated Swimsuit on Demand“. Das Programm ist denkbar einfach gestrickt: Leicht bekleidete Bikinischönheiten räkeln sich am Strand. Das ist immerhin nett anzusehen – unter Fernsehen der Zukunft hat man sich aber noch etwas anderes vorgestellt.

Im Internet:

www.joost.com

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