Internet : Hingeschaut!

Dass ein Beitrag im Papierkorb statt in der Zeitung landet, kann viele Gründe haben. Auf der Webseite nicht-erschienen.de warten unveröffentlichte Texte auf eine zweite Chance.

Kurt Sagatz
Nichterschienen
Wiedersehen im Netz. Vielleicht gilt das auch bald für Hörfunkbeiträge. -Screenshot: Tsp

In Springfield im US-Bundesstaat Missouri verzichten selbst jüngere Amerikaner auf modische Trends. Zum Beispiel auf nahtlose Bräune, wie es die Bilder der Fotografin Rachael Dunville zeigen. Von ihrer Ausstellung in New York war die deutsche Journalistin Tanja Schwarzenbach zutiefst berührt, besonders von Dunvilles Ehrlichkeit und der unaufgesetzten Art, mit der sie von ihrer Arbeit erzählt. Der Text, den Tanja Schwarzenbach der „Süddeutschen Zeitung“ daraufhin anbot, wurde dennoch nicht gedruckt. Rachael Dunville galt als zu unbekannt. Das Stück über die 28-jährige Fotografin und die Ausstellung in der Peer Gallery kann man dennoch finden, im Internet unter www.nicht-erschienen.de.

Seit Mitte November gibt es die Webseite mit den unveröffentlichten Texten. Anfangs eine Idee unter befreundeten Journalisten haben inzwischen 16 Autoren aus allen Regionen Deutschlands ihre unveröffentlichten Texte an Tanja Schwarzenbach und ihre Mitstreiterin Ines Alms geschickt. Statt im Papierkorb zu landen, finden sie nun im Netz ihre Leser. Und das Interesse ist groß. Jeden Tag kommen einige hundert neue Leser hinzu.

Dass ein Beitrag im Papierkorb statt in der Zeitung landet, kann viele Gründe haben. Häufig passiert irgendwo auf der Welt etwas Wichtigeres, mitunter passt ein Text inhaltlich stilistisch in kein Ressort, sagt Tanja Schwarzenbach. Ob das Stück lesenswert gewesen wäre oder nicht, darüber sagt diese Entscheidung häufig nichts aus. Für Schwarzenbachs Beitrag „Nackte Emotionen“ über die US-Fotografin war es indes irgendwann zu spät. „Nicht erschienen, weil: Der Anlass verstrichen war, als sich die Redaktion dazu entschloss, den Artikel zu drucken“, heißt es am Ende des Beitrages.

Tanja Schwarzenbach ist Journalistin. Bei der „SZ“ hat sie ein zweijähriges Volontariat absolviert und danach als Redakteurin gearbeitet, bis sie die Stelle vor einem Jahr kündigte. Zu viel Produktion, zu wenig Schreiben, sagt sie. Nach zwei Monaten in New York ist sie wieder zurück in Deutschland, arbeitet als freie Journalistin, aber vor allem an ihrer Promotion. Thema der Doktorarbeit: die künstlerische Beziehung zwischen Susan Sonntag und Annie Leibowitz. Wenn alles so läuft, wie es sich Schwarzenbach vorstellt, ist sie im April 2010 damit fertig – es sei denn, sie lässt sich von ihrem Internetprojekt allzu sehr ablenken.

Die Gefahr dazu ist groß, denn unveröffentlichte oder besser gesagt nicht erschienene Beiträge gibt es viele, und längst nicht alle nur bei Printmedien. „Wir haben bereits darüber nachgedacht, den freien Platz neben den drei derzeitigen Ressorts Politik, Kultur und Leben für Hörfunkbeiträge oder unveröffentlichte Kurzfilme zu nutzen“, sagt Schwarzenbach.

Der hauptsächliche Reiz von nicht-erschienen.de für die Autoren liegt darin, dass ihre Arbeit nicht vergebens war. Zudem bleibt immer noch die Hoffnung, dass der Text doch noch von einer Redaktion gefunden wird, die ihn abdruckt – und dafür auch bezahlt. Für Tanja Schwarzenbach und ihre Mitstreiterin ändert sich dadurch allerdings nichts. Die Idee hinter der Webseite ist absolut unkommerziell, Schwarzenbach und Alms erhalten aus den Verkäufen keinerlei Provision, obwohl die Texte genauso geprüft werden wie von jeder anderen Redaktion.

Um die Kosten zu decken, könnte eine andere Erlösquelle für die Seite interessant werden. So wie es in den Medien nicht erschienene Texte gibt, könnten sich die Macher vorstellen, nicht erschienene Werbung gegen Bezahlung zu veröffentlichen. „Man müsste sich darüber mit den Werbeagenturen unterhalten“, sagt Tanja Schwarzenbach. Kurt Sagatz

Im Internet unter:

www.nicht-erschienen.de

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