Internet-Krimi : "Wilhelm ermittelt“

Die WAZ-Mediengruppe hat schon wieder ein neues Projekt am Start. Der Verlagsriese lässt in Thüringen einen Internet-Krimi testen.

Gregor Klaudius

Der Westdeutsche Allgemeine Zeitungsverlag (WAZ) riskiert viel im Netz. Erst beruft der Essener Verlagsriese eine Bloggerin zur Chefredakteurin des neuen Web-Portals „Der Westen“. Dann vereinbart der Konzern als erster die umstrittene Zusammenarbeit mit einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt und bietet regionale Nachrichtenvideos des WDR im Web an. Mit seinem neusten Projekt begibt sich die WAZ-Mediengruppe nun sogar ins Fiktionale: Eine eigene Internet-Krimiserie mit viel Lokalkolorit soll ab Herbst das Publikum anlocken. Damit das Experiment überschaubar bleibt, dient die „Thüringer Allgemeine“ (TA), sie gehört zum WAZ-Konzern, als Testballon.

In „Wilhelm ermittelt“ lösen der pfiffige Taxifahrer Willi (Dustin Semmelrogge), die attraktive Kriminalkommissarin Katharina (Anna Ingordino) und der schusselige Polizeireporter Peter (Martin Kaps) knifflige wie amüsante Fälle in Thüringen. Der Vater von Dustin, der Schauspieler Martin Semmelrogge, tritt in einer Nebenrolle als leicht schräger Obdachloser auf. Produzenten sind die „Thüringer Allgemeine" und die Kölner TV-Firma Levision.

„Es ist ein Pilotprojekt, das wir in Thüringen angesiedelt haben, weil der Markt dort übersichtlich ist“, erklärt der Chef der WAZ-Unternehmensentwicklung, Markus Beermann. In dem kleinen Bundesland teilen sich zwei Verlage, die WAZ und der Süddeutsche Verlag, das Tageszeitungsgeschäft. Der WAZ gehören neben der größten Zeitung, der „Thüringer Allgemeinen“, noch zwei weitere Blätter, die „Ostthüringer Zeitung“ und die „Thüringische Landeszeitung“.

„Mal schauen, ob wir Begeisterung erzeugen können", sagt Beermann. Web-TV-Fieber hervorrufen soll bei den Thüringern vor allem ein hoher Wiedererkennungswert der Drehorte und Menschen. Die Geschichten spielen in Weimar, Arnstadt oder Erfurt. Allein für die beiden ersten Folgen werden bis zu 100 Komparsen gesucht. Noch bis zum 28. Juni casten die Produzenten Einwohner in Einkaufszentren. Mehr als 200 Online- und Video-Bewerbungen sind bei der „TA“ eingegangen – vom Teenager bis zur Senioren-Tanzgruppe. Interaktive Elemente sind aber nicht geplant.

Mit der Krimi-Komödie sollten ursprünglich vor allem junge Nutzer auf die Web-Seiten der Zeitung gelockt werden. „Doch plötzlich stellen wir fest, dass das volle Leserspektrum Interesse hat“, sagt Chefredakteur Sergej Lochthofen. Für die Thüringer WAZ-Zeitungen sei es wichtig, die regionale Kompetenz auszuspielen und sich im Internet zu entwickeln. So sieht es auch WAZ-Manager Beermann: „Wir verstehen uns längst als Contenthersteller für mehr Kanäle als die Zeitung.“

Der Münsteraner Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger sieht darin einen neuen Trend. „Es ist inzwischen die Strategie der Verlage, attraktive Unterhaltungsangebote im Netz zu machen", sagt der Professor. Nachdem die Zeitungen die Entwicklung im Internet Mitte der 90er Jahre verschlafen hätten würden sie nun nachziehen. Es sei aber nicht erwiesen, dass Zeitungskunden mit neuen Internetangeboten gewonnen werden könnten. „Gerade für junge Leute ist das Internet das Hauptmedium“, sagt Neuberger.

Die zunächst geplanten zwei Folgen, die im Sommer von einem Team aus 50 Leuten gedreht werden sollen, dauern jeweils 25 Minuten. Pro Woche wird eine in fünf- bis siebenminütige Episoden unterteilte Folge gezeigt. In der ersten Staffel verschwindet der Musikproduzent Didi Dohlen, der in einer Casting-Show in Erfurt Jury-Mitglied ist, plötzlich spurlos. Die Kosten für das Experiment bezeichnet Manager Beermann als „übersichtlich“, Millionenbeträge seien es nicht. „Sollte ,Wilhelm ermittelt’ auf ordentliche Klickzahlen kommen", sagt Beermann, „produzieren wir vielleicht irgendwann im Westen auch eine eigene Serie“.

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