Internet-Schlappe : Die verebbte Welle

Google Wave sollte die E-Mail revolutionieren. Nun wird der Dienst überraschend eingestellt, weil das Interesse der Nutzer hinter den Erwartungen zurückblieb.

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Manche Ideen kommen zu früh oder sind eben doch nicht so genial wie gedacht – das gilt selbst für ein Überflieger-Unternehmen wie Google, das sich am Mittwochabend von einem der ehrgeizigsten Projekte der Firmengeschichte verabschiedet hat. Der Dienst Google Wave sollte als Mischung aus Facebook, Instant Messenger und Maildienst die gesamte Internet-Kommunikation revolutionieren. Wie Urs Hölzle nun im Googleblog schreibt, hat die Welle die Nutzer nicht im erwarteten Maße mitgerissen. „Google Wave ist von den Nutzern nicht so angenommen worden, wie wir das gern gesehen hätten“, schrieb der Senior Vice President Operations.

Bereits der Start von Google Wave im September 2009 lief alles andere als reibungslos. Selbst exzessive Internetnutzer wie der US-Blogger Robert Scoble zeigten sich zum Start der heißen Testphase mit 100 000 Nutzern skeptisch: Wave sei eine einzige Ablenkung, die statt einer großen Welle vor allem viel Rauschen produziert. Das klang bereits damals nicht nach der Neuerfindung der E-Mail.

Dabei ist die Idee hinter Wave tatsächlich verlockend für Menschen, die im Internet ohnehin ständig in Kontakt mit anderen Nutzern stehen, entweder in ihrer Freizeit oder im Beruf. So kann ein Wave-Nutzer über die Google-Technik zu einem beliebigen Thema eine Welle starten und andere Nutzer dazu auffordern, an dem Wave-Text mitzuschreiben – und zwar in Echtzeit, so dass jedes Mitglied der Welle immer weiß, in welche Richtung sich ein Thema entwickelt. In der weiteren Entwicklung wurde Google Wave so erweitert, dass andere Internetnutzer zusätzlich via Mail oder Twitter die Welle verfolgen können. Der kollaborative Ansatz von Wave wurde von Experten darum auch durchaus geschätzt. Vor allem für die Zusammenarbeit in überschaubaren Firmengruppen über das Internet werden immer neue Werkzeuge benötigt. Doch gerade als Revolution der E-Mail-Kommunikation taugt dieser Service eben nicht. Schon jetzt wird nicht nur in der Geschäftswelt viel Zeit damit vergeudet, Mails zu lesen, die in Kopie gleich an ganze Abteilungen verschickt werden. Und selbst in Social Communities wie Facebook, MeinVZ & Co. schätzen viele Mitglieder besonders die Funktion, gezielt Nachrichten nur an einen Kontakt zu schicken, statt damit gleich eine ganze Kommunikationswelle loszutreten.

Das Ende der Testphase von Google Wave liegt erst wenige Wochen zurück, im Mai war die Welle in den Regelbetrieb gegangen. Die Nutzer von Google Wave können den Dienst noch eine Zeitlang weiter einsetzen. Der Server soll mindestens bis Ende des Jahres verfügbar sein, hat das Unternehmen erklärt. Als eigenständige Anwendung ist Google Wave zwar gescheitert, komplett abschreiben muss der Suchmaschinenkonzern die Entwicklungsaufwendungen jedoch nicht. Man habe dabei viel gelernt, schreibt Hölzle, und ein Teil der Technik wie das „Live Typing“ ist inzwischen in andere Dienste eingeflossen. Und als Kampfansage an Facebook mit seinen inzwischen 500 Millionen Nutzern war Google Wave ohnehin etwas zu extravagant. Kurt Sagatz

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