Interview : "Bond ist die perfekte Affäre"

Warum ist der Geheimagent 007 die populärste Medienfigur aller Zeiten? Der Tagesspiegel traf sich mit dem Bond-Experten Siegfried Tesche.

Gibt es neben James Bond eine Medienfigur, die die Zeiten derart unbeschadet überdauert?

Meiner Meinung nach nicht. Es gibt natürlich Figuren wie Superman oder Sherlock Holmes, die immer wieder aufgewärmt wurden und werden, aber nur Bond hatte und hat diesen Einfluss auf die Film- und Fernsehgeschichte. Dieser Geheimagent ist die bekannteste Medienmarke auf der Welt neben Mickey Mouse. Über 90 Prozent der Weltbevölkerung sollen 007 kennen.

Was macht Bond einzigartig?

James Bond ist eine Marke, die sich nicht verändert. Seit „Goldfinger“, seit 1964 liegt die Struktur, liegt die Formel fest. Sie wird von Film zu Film nur noch minimal variiert. Also: Vorspann, Logo, Titelsong, Auftritt M, Auftrag, Konfrontation mit dem Bösewicht, Girl, noch ein Girl, noch ein drittes, eines davon stirbt, dann weiß Bond, worum es genau geht, Eindringen in das Hauptquartier, ein Freund geht drauf, Schlusskampf, Happy End im weitesten Sinne. In 17 von 22 Bond-Filmen gibt es beispielsweise eine Explosion am Schluss, 24-mal sagt Bond „Mein Name ist Bond, James Bond“.

Klingt nicht wahnsinnig aufregend.

Richtig. Trotzdem ist da diese Faszination, und die ist von Frau zu Mann unterschiedlich. Die Frauen müssen einen Typen haben, den sie wirklich anschmachten können. Bond ist die perfekte Affäre: Er führt sie ins teuerste Hotel, Champagner, Kaviar, sie erliegt ihm – und am nächsten Tag ist er weg. Für die Männer bedeutet Bond: cool, der kann alle Frauen kriegen, hat die tollsten Spielzeuge, der kann fliegen, mit dem Boot rasen, hat die schärfsten Autos und kickt den Bösen aus dem Weg. Ein Produzent hat gesagt: Männer wollen so sein wie Bond, Frauen wollen Bond nahe sein.

Warum schauen sich Leute dieselben Bond-Filme immer wieder auf DVD oder im Fernsehen an, obwohl sie sie längst auswendig kennen müssten?

Ein Bond-Film enttäuscht einen nie. Es gibt immer etwas auszusetzen – ich mag das Auto nicht, ich mag die Frau nicht, ich mag den Kerl nicht –, aber nicht ein einziger Bond-Film hat das Publikum enttäuscht. Für mich ist Bond deswegen der einzige Filmstar der Welt. Ein Filmstar ist jemand, dessentwegen ich immer wieder ins Kino gehe, der mir passgenau das liefert, was ich von ihm will. Was die Bond-Figur geschafft hat, das hat kein Schauspieler, kein Regisseur der Welt geschafft. Bond bietet Erwartbares, zugleich Variantenreich-Ungewöhnliches. Klar, die Leute werfen alle Bond-Filme durcheinander. Wenn man einen Bond-Film wieder sieht, kommt Ordnung in dieses Wirrwarr hinein – und es stellt sich das gute Gefühl ein, einen Film zu sehen, den man schon einmal oder mehrfach gern gesehen hat.

Ist Bond näher an die Realität oder die Realität näher an Bond herangerückt?

Nah an der Realität ist Bond überhaupt nicht. Ein Geheimagent, den Sie aufgrund seines Getränks, seines Autos, seines Namens erkennen können, ist so etwas von ungeheim. Agenten schätzen die Anonymität, das sind Schattengestalten. Andererseits ist jede Bond-Produktion auf der Höhe der Zeit. Als die Eastern-Filme aufkamen, gab es den „Mann mit dem goldenen Colt“, also Ferner Osten und Karate. Bei „Star Wars“ war Bond im Weltraum, als die Mauern fielen, in Russland. Bei „Ein Quantum Trost“ sind die Macher wieder topaktuell: Es geht um Ressourcen, um Wasser und Öl.

Ist Bond sterblich?

Glaube ich nicht. Jeder Bond-Film funktioniert, jeder ist ein Geschäft. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Wer ist der beste Bond aller Zeiten?

An Sean Connery kommt keiner heran. Der Zweitliebste ist mir Pierce Brosnan. Brosnan hat nicht die Filme bekommen, die er verdient hätte. Der kann mehr Charakter, mehr Tiefe, mehr Verletzlichkeit spielen. Aber die Brosnan-Bonds waren aalglatt. Craig ist bei mir auf Platz drei.

Daran ändert auch „Ein Quantum Trost“ nichts?

Nein, vom ersten Eindruck her ist der neue Bond medium. Höchstens. Aber ich werde ihn mir noch dreimal ansehen.


Das Gespräch führte Joachim Huber.

„GoldenEye“, 20 Uhr 15, Pro 7

Siegfried Tesche, 57, ist Filmjournalist und ausgewiesener 007-Experte. Letzte Veröffentlichungen: „James Bond – top secrets. Die Welt des 007“ und „Das große James Bond Lexikon“

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