Interview : „Ich liebe Weißbrotfragen“

Seit zehn Jahren lädt Volker Panzer ins ZDF-„Nachtstudio“ zum Mitdenken über Welträtsel ein.

Nachtstudio
Ein Mann, ein Feuer: Moderator Volker Panzer lässt im "Nachtstudio" die Gedanken prasseln. -Foto: ddp

Herr Panzer, was will der Wind?

Wieso fragen Sie das ausgerechnet mich?

Weil Sie das in einer Ihrer Sendungen gefragt haben: „Was will der Wind?“ Wir hätten jetzt gern die Antwort.

Der Wind gehört zu uns, er schenkt uns den Atem. Aber was er genau will, das kann auch ich Ihnen leider nicht sagen. Wir haben uns damals mit Naturgewalten beschäftigt und was sie anrichten können. Wir waren unter den Ersten, die die Klimakatastrophe thematisiert haben. Was wir brauchten, war ein schöner Titel für die Sendung. So kam es zu „Was will der Wind?“.

Sie behandeln komplizierte Themen. Läuft da immer alles nach Plan?

Wir Fernsehleute haben am meisten Angst vor einer plötzlich einsetzenden Stille, vor einer Lähmung, die alle im Studio erfasst. Das kann furchtbar werden. Aber zum Glück gibt es Weißbrotfragen wie zum Beispiel „Was will der Wind?“. Weißbrotfragen heißen bei uns Weißbrotfragen, seitdem ich in einer Sendung spontan die Frage stellte, warum es überall auf der Welt Weißbrot gebe. Meine Gäste haben dann lange darüber diskutiert. Eine Erkenntnis lautete: Wer sich Weißbrot leisten kann, der ist reich, jedenfalls überall dort, wo Brot knapp ist. Eine Weißbrotfrage ist also ein Frage, die vom vorgeplanten Weg wegführt und im besten Fall überraschende Ausblicke eröffnet. Ich liebe Weißbrotfragen.

Sie bearbeiten in Ihren Sendungen ja fast alles von Freiheit über Landwirtschaft bis hin zur Weltrevolution. Sind Sie eigentlich das letzte lebende Universalgenie?

Leider nein. Es ist ja nichts auf meinem Mist gewachsen. Meine Aufgabe besteht allein darin, Neugierde zu wecken und, wenn alles gut läuft, Fragen zu stellen, die hoffentlich nicht allzu naiv sind.

Was halten Sie von: Universalfragegenie?

Wenn Sie das positiv meinen und das Genie weglassen, dann könnte ich Ihnen vielleicht sogar zustimmen. Im Grunde bin ich aber nur einer dieser klassischen Allround-Kulturjournalisten, die anscheinend vom Aussterben bedroht sind.

Aber Sie müssen doch wissen. Sie können ja nicht einen Nobelpreisträger fragen, ob er heute schon Weißbrot gegessen habe?

Nein, das sicher nicht. Die Vorbereitung ist harte Arbeit. Auch wenn mich immer wieder Leute fragen, was ich denn eigentlich so den lieben langen Tag lang mache. Denen kann ich immer nur antworten, dass ich mich gründlich vorbereite und versuche, alles von und über meine Gäste zu lesen. Die Redaktion legt mir umfangreiche Dossiers zu Gästen und Themen vor. Das ist harte Arbeit für uns alle, kann ich Ihnen sagen. Außerdem weiß ich, jedenfalls ungefähr, wie die Gäste auf meine Fragen reagieren werden. Das hilft. Manchmal.

Verstehen Sie alles, was Sie da lesen?

Was ich nicht verstehe, verstehe ich eben nicht. Ich notiere mir das dann auf Karteikarten, damit mir in der Sendung keine Dummheiten passieren. Und dann bemühe ich mich, möglichst solche Fragen zu stellen, die so beantwortet werden können, dass das auch die Zuschauerinnen und Zuschauer mehr oder weniger verstehen können. Wenn der Zuschauer sagt, hallo, das war aber mal interessant, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis unserer Sendung, dass wir uns mehr für Rätsel als für Gewissheiten interessieren. Gewissheiten sind doch langweilig.

Sie laden gerne Professoren und andere Studierte ein. Einen Bauern hatten Sie noch nie, oder?

Nein, aber bald. Wir bereiten eine Sendung zum Thema Landwirtschaft vor. Und wir werden einen Bauern einladen.

Aber nur einen mit Promotion, oder?

Einen ganz normalen Bauern. Wir haben ihn noch nicht, wir werden ihn finden.

Haben Sie schon einmal die gefürchtete Stille nach einer Frage erlebt?

Ja, aber nur ein Mal. Das war, als Detlef Linke, Hirnforscher und Selberdenker, der leider schon tot ist, den Philosophen Peter Sloterdijk, der gerade mit einem längerem Monolog fertig geworden war, fragte: „Was hört Heidegger?“ Da war Stille.

Was machen Sie, wenn Gäste partout nicht antworten wollen?

Das kommt eigentlich so gut wie überhaupt nicht vor. Aber in unserer Sendung zu Bob Dylans 60. Geburtstag antwortete der Dylan-Experte Gerhard Henschel auf meine Eingangsfrage, wie er zum Dylan-Experten geworden sei, ungefähr so: „Ich bin gar kein Dylan-Experte. Keine Ahnung. Ich weiß nichts.“ Da kommt man schon ins Schwitzen.

Sind auch Sie ein Konjunkturritter wie alle Journalisten, wenn es um Themen und Quote geht?

Wir wollen auf keinen Fall Hinterherhinker sein. Wir wollen anders sein. Wir waren zum Beispiel unter den Ersten, die das Thema Gentechnik aufgenommen haben. Oder wir haben Themen gesetzt. Zum Beispiel „Die Magie der Stimme. Warum Singen glücklich macht“.

Schwimmen Sie lieber gegen den Strom oder eher mit ihm?

Wir schwimmen quer. Von einem Ufer zum anderen. Wir suchen die Strudel und die Buchten. Wenn wir uns ein aktuelles Thema vornehmen, dann um es möglichst so zu betrachten, wie es noch keiner vor uns getan hat.

Stehen auch Sie unter dem Diktat der Quote?

Natürlich nicht so wie die Sendungen in der Primetime, aber auch wir sollten einen Marktanteil von sechs Prozent erreichen, das können mal 200.000 Zuschauer oder auch mal bis zu einer halben Million sein. Je nachdem, wie viele Menschen insgesamt nachts vor dem Fernseher sitzen.

Und wenn nicht?

Dann müssen wir uns etwas überlegen. Themen und Gästeauswahl überdenken. Vielleicht wieder ein Thema „Mann und Frau“. Das interessiert ja wohl jeden. Auch Eugen Drewermann als Gast im „Nachtstudio“ hat seine Fangemeinde. Aber ehrlich gesagt, groß an der Quotenschraube drehen können wir nicht.

Wissen Sie, wer Ihnen zusieht?

Mehr Frauen als Männer. Eher Junge als Alte. Fast die Hälfte unserer Zuschauer und Zuschauerinnen ist jünger als 49. Viele junge Leute sehen uns nebenbei, wenn sie nachts am Computer sitzen. Und mehr Studierte als Volksschüler.

Wie lautet der Titel Ihrer schönsten Sendung?

„Denken im Fernsehen“.

Dann müssten Sie es ja wissen: Macht Fernsehen dümmer?

Quatsch. Wer sagt denn so was?

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

„Nachtstudio: Strategien der Weltverbesserung“, Gäste u. a. Heiner Geißler (Attac-Mitglied) und Jean Ziegler (UN-Sonderberichterstatter Welternährung), ZDF, 0 Uhr 20

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