Interview : "Twitter liefert keine verlässlichen Informationen"

Astrid Frohloff, Mitglied im Vorstand von "Reporter ohne Grenzen" Deutschland, analysiert die schwierige Situation der ausländischen Medien im Iran, fragt nach dem Wert der Informationen bei Twitter und Youtube und fordert die Regierungen der 27 EU-Länder auf, mehr Druck auf das Regime in Teheran auszuüben

Frohloff
Astrid Frohloff -Foto: RBB

Frau Frohloff, was weiß „Reporter ohne Grenzen“ über die Situation der ausländischen Korrespondenten im Iran?

Die Behörden wollen unliebsame Zeugen der Ereignisse loswerden. Die meisten Korrespondenten sind inzwischen schon ausgereist, da ihr Visum nicht verlängert wurde. Einige TV-Teams wurden ausgewiesen. Auch von gewaltsamen Übergriffen wird berichtet, zum Beispiel gegen Mitarbeiter von Reuters, RAI und der BBC. Zudem sind 24 inländische Journalisten und Blogger seit der Präsidentschaftswahl festgenommen worden.

Sie haben als Korrespondentin im Nahen Osten entsprechende Erfahrungen gesammelt. Ist es für ausländische Journalisten ratsam, den Iran zu verlassen, oder sollen sie auf die Ausweisung warten?

Wir sind zwar auf Informationen aus dem Iran angewiesen, aber es kann nicht sein, dass die Verantwortung dafür auf einzelne Korrespondenten abgewälzt wird. In einer Pressemitteilung hat das iranische Außenministerium ausländische Medien als „Feinde“ bezeichnet und gedroht, sie würden bald „schachmatt“ gesetzt.

Neue Medien wie Twitter oder Youtube gelten jetzt als Nachrichtenquellen für die alten Medien. Bieten Twitter und Youtube wirklich verlässliche Informationen?

Nein. Wir Journalisten müssen uns darüber im Klaren sein, dass solche Internetplattformen gerade in Krisenzeiten von jedermann für eigene politische Zwecke genutzt und mitunter auch missbraucht werden können. Andererseits: Nur so haben wir momentan die Möglichkeit, uns trotz der Zensur ein Bild von der Lage im Iran zu machen.

Auch das Regime in Teheran bedient sich der neuen Medien und twittert beispielsweise. Propaganda trifft auf Gegenpropaganda. Wie können westliche Medien da noch eine einigermaßen wahrheitsgetreue Berichterstattung sicherstellen?

Vor allem, indem wir unsere Quellen noch gründlicher als bisher checken. Unsere Aufgabe besteht darin, genauestens zu überprüfen, woher Informationen und Bilder stammen und sie entsprechend einzuordnen. Ist es nicht möglich, festzustellen, ob sie echt oder manipuliert sind, müssen wir - auch wenn das für Journalisten eher ungewöhnlich ist - unsere Zweifel benennen und auf die unsichere Quellenlage hinweisen.

Übt die Regierung Merkel genug Druck auf die iranische Regierung zum Zweck einer freien Berichterstattung aus?

Wir meinen, es reicht nicht aus: „Reporter ohne Grenzen“ hat die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder in einem Brief aufgefordert, die Wiederwahl Ahmadinedschads nicht anzuerkennen. Wenn Ahmadinedschad die Pressefreiheit nicht respektiert, muss das Konsequenzen haben. Keine Regierung würde das Resultat eines Wahlergebnisses in einem europäischen Land akzeptieren, das unter solchen Umständen zustande gekommen ist. Warum sollten diese Standards für den Iran nicht gelten?

Astrid Frohloff ist im Vorstand von „Reporter ohne Grenzen“ Deutschland. Die Journalistin hat u. a. für Sat 1 gearbeitet, aktuell moderiert sie für den RBB. Mit ihr sprach Joachim Huber.

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