Interview : „Werde ich morgen verhaftet?“

Alice Schwarzer war Initiatorin der „Stern“-Aktion „Wir haben abgetrieben“ im Juni 1971. Ein Gespräch mit der "Emma"-Herausgeberin über Folgen, Henri Nannen und die Fortschritte des Feminismus.

Frau Schwarzer, am 6. Juni 1971 erklärten 374 deutsche Frauen im „Stern“: „Wir haben abgetrieben“. Sie waren die Initiatorin der Aktion. Ein Arte-Film bilanziert die Folgen. Sie sprechen darin von der „Stunde null“. Bei welcher Uhrzeit steht die Frauenbewegung jetzt?

Einerseits ist es für die Frauen in einem rasanten Tempo nach vorne gegangen. Andererseits sind wir heute in einigen Punkten rückständiger als damals. Stichwort Akzeptanz von Pornografie und Frauenkauf, Stichwort Akzeptanz der Bevormundung der Frauen in Bezug auf eine selbstbestimmte Mutterschaft.

Weiter zurück als 1971?

Absolut. Wir haben zwar einen Gummiparagrafen, der Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft bis auf Weiteres die Gnade gewährt, unter bestimmten Umständen abzutreiben. Doch diese Regelung ist abhängig vom gesellschaftlichen Klima. Und in den vergangenen Jahren hat es da immer wieder Rückschläge gegeben. Nach der Wiedervereinigung hat man in Ostdeutschland die Fristenlösung abgeschafft. Dann kam die aberwitzige Debatte um Spätabtreibungen, die im Jahr 200 Paare betrifft. Und jetzt geht es um die Präimplantationsdiagnostik (PID): Da will man Frauen, die mit ihren Partnern unbedingt ein Kind wollen, die Chance auf ein gesundes Kind verwehren und ihnen vorschreiben, dass sie sich auch ein krankes Ei einpflanzen lassen müssen. Das ist der nackte Zynismus! Längst ist auch das Vokabular der Lebensschützer in die eigenen Reihen eingebrochen. Vor allem bei den Grünen. Da ist nicht mehr vom Embryo die Rede, sondern vom „Kind“, nicht mehr vom Recht der Frau auf eine selbstbestimmte Mutterschaft, sondern vom „schützenswerten werdenden Leben“ etc. pp.

Sie erklären in dem Film ihr „Erschrecken“ darüber, „dass viele hoch qualifizierte Frauen sich darin gefallen, nach Studium und allem zu sagen: Nein, das Wichtigste, finde ich, ist, dass ich bei meinem Kind bleibe.“ Das klingt so, als würden Sie diese Entscheidung grundsätzlich und in jedem Fall für falsch halten?

Nein, aber für gefährlich. Die Mutterschaft ist weder Schicksal noch Lebenserfüllung. Irgendwann sind die Kinder aus dem Haus – und wenn die Frauen dann keine berufliche Existenz haben, kann es tragisch werden. Aber dann ist es zu spät.

Ist denn „Stunde null“ überhaupt der richtige Begriff? Den Kampf gegen den § 218 gab es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts.

Das stimmt. In den 20er und 30er Jahren gab es eine breite Bewegung von Frauenrechtlerinnen und auch Sozialisten, die sehr mutig und radikal für das Recht auf Abtreibung gekämpft haben. Aber das wussten wir damals nicht. Wir haben geglaubt, wir wären die Ersten.

Ohne die Beteiligung prominenter Frauen hätte es die „Stern“-Titelgeschichte nicht gegeben?

Vermutlich nicht. Oder zumindest nicht so prominent präsentiert. So funktionieren die Medien.

War es schwierig, Prominente zu finden?

Nein, überhaupt nicht. Die Zeit war einfach reif. Die Frauen hatten ja auch mitbekommen, wer da in Frankreich alles mitgemacht hat. Da war es für eine bewusste, stolze Frau fast eine Frage der Ehre, dabei zu sein. Dennoch gehörte gleichzeitig ein Löwenmut dazu. Für alle Unterzeichnerinnen. Sie wussten ja nicht: Werde ich morgen verhaftet? Sprechen meine Nachbarn noch mit mir? Lässt mein Mann sich scheiden? Und die bekannten Schauspielerinnen, wie Senta Berger, haben ihre ganze Karriere riskiert.

Welche Rolle hat „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen gespielt?

Eine eher passive. In derselben „Stern“-Ausgabe lief noch eine Geschichte über Romy Schneider, die auch unseren Appell unterschrieben hatte. Nannen hatte bis in die letzte Nacht versucht, Romy allein auf den Titel zu heben. Meine Bedingung war jedoch: Keine Personalisierung des Manifestes, nur mit Kollektiv auf dem Titel. Der Streit mit der Redaktionsleitung ging bis nachts um zwei. Dann erst habe ich meine Liste mit den Namen herausgerückt. Nannen selbst habe ich gar nicht gesehen.

Im Film wird nicht erzählt, welche Konsequenzen die sich bekennenden Frauen und Ärzte nach der Publikation tragen mussten.

Es gab Einschüchterungsmanöver durch Polizei und Justiz. Aber dank der ungeheuren Popularität und weil sich anschließend zehntausende Frauen meldeten und die Aktion unterstützten – und Millionen damit sympathisierten – war klar, dass das keinen Erfolg haben konnte. Es hat letztlich niemand Schaden genommen.

1974 wurde ein „Panorama“-Beitrag von Ihnen abgesetzt. Sie filmten eine Abtreibung – durch die für die Frauen schonendere Absaugmethode.

Das ist bis heute der größte Zensurfall in der Geschichte der ARD. Noch am Vormittag hatten Redaktionsleiter Peter Merseburger, Intendant Martin Neuffer und auch der stellvertretende NDR-Intendant Dietrich Schwarzkopf von der CDU den Film abgenommen. Dann kam gegen 16 Uhr die Entscheidung der ARD-Intendanten: abgesetzt! Die waren aufgehetzt durch „Bild“, den Münchner Kardinal Döpfner und andere einschlägige Kräfte. Daraufhin hat Merseburger entschieden: Wir senden nur ein leeres Studio. Erst im Rahmen einer Diskussionssendung wurde der Film im dritten Programm kurz darauf doch gezeigt. Das waren noch Zeiten mit einem mutigen, politischen Magazinmacher und einem journalistisch anständigen Intendanten. Ich habe die turbulente Affäre als sehr solidarische gemeinsame Aktion in Erinnerung.

Die Diskussionssendung hatte das Thema: „Was darf das Fernsehen?“ Darf das Fernsehen heute nicht mehr so viel wie früher?

Es ist schwer zu sagen, was das Fernsehen „darf“. Eines der größten Probleme der Journalisten war immer schon weniger die Zensur und mehr die Selbstzensur. Also würde ich eher fragen: Was wagen die Journalistinnen und Journalisten heute noch? Und das ist eindeutig weniger als früher!

Wenn Sie damals die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung als Hetze empfunden haben: Warum haben Sie dann später für das Boulevardblatt geworben und schreiben heute selbst dafür?

Oh je. Wenn ich diesen Maßstab anlegen würde, dann dürfte ich für niemanden mehr schreiben. Außer für „Emma“. Am hämischsten mit den Feministinnen – und allen voran mit mir – war eigentlich immer schon die „Süddeutsche Zeitung“. Und die „Frankfurter Rundschau“ ortete damals „Konsumwahn“, also Pelzmantel statt Kind, sowie eine „Vernichtung unwerten Lebens“.

Zum Schluss klagen die Autorinnen des Films, dass die Frauen heute wieder schweigen und nicht mehr aufbegehren würden. Liegt es vielleicht auch daran, dass die Gefechtslage nicht mehr so eindeutig zu sein scheint wie noch in den siebziger Jahren?

Ja, auch. Das Recht auf Abtreibung betrifft natürlich alle Frauen. So ein zentrales gemeinsames Anliegen scheint es nicht mehr zu geben. Allerdings muss man auch sagen: Wenn Sie sich ansehen, wie zum Beispiel wegen der frauenverachtenden Berichterstattung in der Affäre Strauss-Kahn Frauen in der ganzen Welt auf die Straße gegangen sind – in Amerika, Frankreich bis hin nach Kiew –, in Deutschland sich aber nichts geregt hat, auch nicht zu Kachelmann, da sehen wir: In Deutschland waren auch die Feministinnen immer schon braver. Ich bin da eher atypisch.

Das Interview führte Thomas Gehringer.

„Wir haben abgetrieben – Das Ende des Schweigens“, Arte, 21 Uhr 05

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