Jauch-Talk zum Thema Inklusion : "Das Einzige, was hilft, ist weiterreden"

Um Inklusion von Menschen mit Behinderungen ging es beim TV-Talk von Günther Jauch. Unser Kolumnist hat zugeschaut, mit einem Erkenntnisgewinn jedoch so seine Probleme gehabt.

Matthias Kalle
Talkmaster Günther Jauch.
Talkmaster Günther Jauch.Foto: dpa

Man sollte sich nichts vormachen: Natürlich spielt es eine Rolle, mit welcher Laune ein Fernsehkritiker vor dem Fernseher sitzt, vor allem, wenn er Günther Jauch schauen muss und vorher bereits ein unglaublich schlechtes Fußballspiel mit unbefriedigendem Ausgang gesehen hat, und einen unglaublich schlechten „Tatort“ mit irgendwie gar keinem Ausgang. Da denkt man dann: So, Talkshow – liefere mir einen Grund, zeig mir üble Polemik, überforderte Gäste, krude Argumentationen, mangelnde Gesprächsführung, Verfall, Verdruss und hanebüchenen Unsinn. Und dann redet Günther Jauch eine Stunde mit seinen Gästen über das Thema Inklusion, und als Fernsehkritiker stößt man an seine Grenzen.

Denn ein Fernsehkritiker muss keine Meinung haben zu dem Thema, dass da verhandelt wird – er muss sich nicht einmal mit dem Thema auskennen. Für den Fernsehkritiker zählt allein die Frage: Funktioniert die Sendung. Aber selbst diese Frage führte diesmal nirgendwo hin. Denn die Sendung hat nicht funktioniert, jedenfalls nicht als klassische Sonntagabendtalkshow – alle Kriterien, die man gemeinhin an das Genre anlegt, greifen nicht wirklich, weil man sehr damit beschäftigt ist herauszufinden, wo man selber eigentlich steht bei diesem Thema – und auf dieser Ebene hat die Sendung dann eben doch funktioniert, denn sie konfrontierte den Fernsehzuschauer mit einem Thema, mit dem er sich in der Regel nicht auseinandersetzt – und das auch nicht so präsent ist, dass er sich irgendwie schon seine Meinung zurechtgelegt hätte. 4,28 Millionen Zuschauer verfolgten den Jauch-Talk, das entspricht einem Marktanteil von 15,4 Prozent.

Ist Inklusion förderlich oder nicht?

Und dann geht die Sendung los, eine junge Frau mit Down-Syndrom erzählt, wie sie den Hauptschulabschluss gemacht hat, von ihrer Liebe zum Klavierspiel, von ihrer Eins in Englisch – und dann erzählt eine Mutter eines elfjährigen Sohnes, auch er hat das Down-Syndrom, dass sie ihn nicht auf das Gymnasium schicken darf, auf das seine Freunde aus der Grundschule gehen werden. Und ein alter Lehrer versucht zu erklären, warum das auch nicht förderlich wäre, während ein junger Lehrer erklärt, dass das sehr wohl förderlich wäre. Und Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sagt unaufgeregt richtige und wichtige Sätze, die vor allem zeigen, dass die Debatte um Inklusion, darüber, wie Schüler mit Beeinträchtigungen zusammen mit Schülern ohne Beeinträchtigungen unterrichtet werden können, nicht einfach ist, sondern kompliziert, dass eine Lösung Geld kostet, dass sie Bedingungen braucht, die geschaffen werden müssen – und eine Gesellschaft, die das überhaupt will. Die junge Frau mit dem Down-Syndrom sagte während der Sendung einmal: „Man leidet ja vor allem unter der Ablehnung der Menschen.“ Und weil Menschen ja das ablehnen, was sie nicht kennen, ist Inklusion richtig. Einerseits.

Andererseits scheinen aber die Voraussetzungen für ein Gelingen im Moment noch nicht da zu sein, davon berichtete der junge Lehrer, der auch über sein Scheitern und das seiner Kollegen sprach, der aber gleichzeitig auch sagte, dass es überhaupt keine nichtinkludierbaren Kinder geben würde. Das sagte er, nachdem Jauch drei Zuschauermails vorgelesen hatte, die sich klar gegen die Inklusion aussprachen, weil sie angeblich keinem Kind nützen würden. Das waren die schärfsten Aussagen in einer ansonsten sehr sachlich gehaltenen Diskussion.

Kaum Resonanz auf Twitter

Und es ist auch bezeichnend, dass auf Twitter im Verlauf der Sendung die Häme und der Hass und die Ablehnung und die spitzen Kommentare quasi nicht vorhanden waren – tatsächlich schwieg Twitter förmlich zu Günther Jauch. Auch das bedeutet etwas.

Aber das hier ist eine Fernsehkritik, es muss um das Fernsehen gehen, um das, was Fernsehen kann, was es zu leisten im Stande ist. Und vielleicht stößt nicht nur der Fernsehkritiker an seine Grenzen, sondern auch das Medium in seiner Rolle als Vermittler. Und vielleicht gibt es Themen, die sind einfach zu schwer, zu kompliziert – möglicherweise auch zu wichtig – als das man nach einer Stunde schlauer wäre, als zuvor. Der junge Lehrer, der eine Integrationsklasse unterrichtet, sagte während der Sendung: „Das Einzige, was hilft, ist weiterreden.“ Und dieser Satz ist das, was einem Erkenntnisgewinn wohl noch am nächsten kommt.

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