Medien : Jeder ist ein Paparazzo

Zwei neu gegründete Fotoagenturen verkaufen Handyfotos von Augenzeugen an die Medien

Alexander Dluzak

Vom Absturz der Concorde bis zum Anrollen des Tsunami – fast immer sind es Schnappschüsse von Amateuren, auf denen die großen Katastrophen der vergangenen Jahre festgehalten sind. Meistens werden die Bilder oder Videos den Redaktionen unaufgefordert zugeschickt oder Reporter fahnden nach Anschlägen oder Naturkatastrophen vor Ort gezielt nach dem Bildmaterial der Augenzeugen. Seitdem es Fotohandys gibt, ist eine beträchtliche Ausbeute garantiert. Dabei fließt zwar schon mal Geld, wirklich organisiert war das bisher aber nicht.

Die britische Bildvermarktungsagentur Scoopt macht den Augenzeugen-Journalismus jetzt zum Geschäft. Wer durch Zufall ein Ereignis von öffentlichem Interesse beobachtet und abgebrüht genug ist, in dem Moment auf den Auslöser zu drücken, kann sein Bildmaterial von Scoopt vermarkten lassen. Agenturchef Kyle MacRae spricht bei seinem Konzept von „Bürgerjournalismus“ und schwärmt von einer „Demokratisierung der Medien“. Um mitzumachen genügt eine Registrierung auf der Internetseite des Unternehmens. Die Fotos werden dann einfach über ein Kontaktformular hochgeladen und online verschickt.

Scoopt wurde am 5. Juli, also zwei Tage vor den Anschlägen in London gegründet. Pech für die Agentur, dass noch kein Mensch von ihr wusste. Schließlich hatten Bilder von Augenzeugen die Berichterstattung der Medien über die Bombenanschläge dominiert. Den ersten fragwürdigen Erfolg hatte Scoopt darum auch erst mit dem Foto eines dramatischen Autounfalls in Bristol. Ein Augenzeuge hatte das Foto mit seinem Handy gemacht. Scoopt verkaufte es an die Tageszeitung „Bristol Evening Post“. Ein anderes, heimlich auf der Hochzeit des englischen Modells Jodie Kidd geknipstes Foto landete via Scoopt auf der Titelseite des Boulevardblatts „Sun“.

Was die Fotografen für die Bilder bekommen, hängt vom Interesse der Öffentlichkeit an den Aufnahmen ab. Den Ertrag teilen sich der Fotograf und die Agentur je zur Hälfte. „Unsere Überzeugung ist ganz einfach“, erklärt Agenturchef Kyle MacRae, „wer ein Foto macht, dass in der Zeitung landet, soll dafür gefälligst auch bezahlt werden“.

Auch in Deutschland lauern Hobbyfotografen schon auf entgleiste Züge und koksende Politiker, um die Bilder dann via Scoopt zu verkaufen. Wie viele Deutsche bei Scoopt registriert sind, will der Agenturchef nicht sagen. „Die eingesandten Fotos waren aber bislang weniger spektakulär“, so Kyle MacRae.

Auch wenn bei derartigem Geschäftsgebaren ein fader Nachgeschmack bleibt, ist die Geschäftsidee unter ökonomischer Betrachtung natürlich genial. Ein erster Nachahmer hat sich bereits gefunden. Die amerikanische Agentur Spymedia verdeutlicht schon mit der Namenswahl, dass sie sich Hobbyfotografen wünscht, die bereit sind, so richtig im Dreck zu wühlen. Im Gegensatz zu Scoopt werden die Fotos den Medien nicht direkt angeboten, sondern in einer Datenbank im Internet thematisch aufgelistet. Zeitungsredakteure sollen bei einem Ereignis erst einmal ins Internet schauen, bevor sie den eigenen Fotografen losschicken. Bryan T. Quin, Mitbegründer von Spymedia will die Plattform langfristig zur „größten und unkompliziertesten Datenbank für Nachrichtenfotos ausbauen“. Die Fotografen müssen für das Erscheinen ihrer Bilder in der Datenbank Geld bezahlen. Wie viel ist noch nicht raus. Bis Ende Oktober ist Spymedia in der Testphase. So lange können die Bilder umsonst hochgeladen werden. Bryan T. Quin stellt den Fotografen hohe Gewinne in Aussicht, „da sie so einen direkten Zugang zu dem milliardenschweren Markt der Nachrichtenfotos erhalten“. Den Preis des Fotos bestimmt der Fotograf selber. Was für Fotos Spymedia als lukrativ erachtet, wird schon durch die Beispielbilder auf der Homepage deutlich. Großbrände, Naturkatastrophen und Schwerverletzte.

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