Medien : Jenseits der Käse-Igel

Die ARD dokumentiert „Unsere 60er Jahre“

Simone Schellhammer

Die Erinnerungskultur im deutschen Fernsehen boomt. RAF, deutsche Einheit, Contergan-Skandal – Zeitgeschichte wird dem Zuschauer auf jede erdenkliche Weise präsentiert: in Talkrunden, Spielfilmen, albernen Erinnerungsshows und natürlich in Dokumentationen. Die 60er Jahre sind dabei besonders beliebt, weil sich sowohl Mauerbau und Mondlandung als auch Flower Power und Adenauer unterbringen lassen.

Bei all den oft gesehenen Archivbildern bietet die ARD-Dokuserie „Unser 60er Jahre“ einige erfreuliche Highlights. Denn auch jenseits von Palisanderschrankwand und Käse-Igel versteht es Autor Michael Wulfes, Geschichte von unten höchst anschaulich zu erzählen. Seine Protagonisten kommen aus allen Gegenden und Milieus. Da ist etwa Hans Jakob Heger aus der Pfalz, der im Auftrag des Vaters nach Verona fährt, um Gastarbeiter für den Maschinenbaubetrieb anzuwerben. Da ist Gisela Jacobi, die auf einem Bauernhof in Thüringen aufwächst, direkt hinter der innerdeutschen Grenze. 1961 wird sie zusammen mit ihrer Großfamilie gezwungen, innerhalb eines Tages ins Landesinnere umzusiedeln, weil die Jacobis als „politisch unzuverlässig“ eingestuft werden. Und da ist Barbara Kreuzinger aus Baden-Württemberg, die wegen ihres unruhigen Babys schlecht schläft und der der Arzt das beliebte Schlafmittel Contergan verschreibt. Als sie den Saft trinkt, weiß sie nicht, dass sie bereits wieder schwanger ist.

„Der Schlüssel für ein solches Projekt ist das Casting der Protagonisten“, sagt Produzent Thomas Kufus, der bei dem erfolgreichen Vorgänger „Unsere 50er Jahre“ für Buch und Regie verantwortlich war. „Wir mussten Leute finden, die über eine längere Strecke faszinierend erzählen können.“ Dafür wurden 500 Personen angesprochen. Mit 160 von ihnen führte man halbstündige Interviews. Am Ende blieben 20 Protagonisten übrig. Dass dabei auch zwei Personen aus bereits gezeigten ARD-Sendungen wieder auftauchen, tut der Leistung des dreiköpfigen Castingteams keinen Abbruch.

Zu Beginn der Folgen fragt man sich manchmal, ob man von zunächst fremden Menschen eigentlich so viel Intimes wissen will. Doch dann freundet man sich tatsächlich mit ihnen an und verfolgt gespannt die Biografien, die sich zum Teil über alle sechs Filme erstrecken. „So kann man die Geschichte dieses Jahrzehnts fast wie in einem Familienroman durchschreiten“, findet ARD-Chefredakteur Thomas Baumann. Eine überraschende Erkenntnis aus den verschiedenen Lebensgeschichten ist vielleicht, dass es sehr viel mehr Gemeinsamkeiten im Lebensgefühl der Bundesrepublik und der DDR gab, als uns heute bewusst ist. Wenn etwa Rena Sander-Lahr berichtet, wie sie als „Gammlerin“ an der Gedächtniskirche in West-Berlin von Passaten beschimpft wurde, dann deckt sich das fast mit der Erzählung des damals gleichaltrigen Gerhard Pötsch aus Leipzig, der sich für Beatmusik begeistert und vor dem die Leute wegen seiner langen Haare ausspuckten. Trotzdem geht es in „Unsere 60er Jahre“ nicht nur um pittoreske Alltagserfahrungen, sondern auch um die ganz persönliche Dramatik und das politische Klima der Zeit. So landet die West-Berliner „Gammlerin“ in einem Erziehungsheim, und der Leipziger Beatfan bezahlt seine Fluchtpläne mit dem Gefängnis. Simone Schellhammer

„Unsere 60er Jahre – Wie wir wurden, was wir sind“, sechs Teile jeweils montags 21 Uhr im Ersten

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