Medien : Jesus Christ, Superstar

Was Popakademie- und Hochschuldozenten von den Fernseh-Castingshows halten

Alva Gehrmann

Vergangenen Donnerstag nach der Aufzeichnung zur „Halloween Hit Show“ für RTL 2 und MTV. Gracia sitzt in ihrer Garderobe. Sie ist müde. Morgens war sie schon bei „Punkt 6“, jetzt ist es 22 Uhr 30. „Ich hatte seit sieben Monaten keinen Tag frei, bin nur noch unterwegs“, sagt sie. Ihr Traum ist wahr geworden, deshalb will sie sich auch nicht beschweren. „Aber mal einen freien Tag zu haben, wäre schon toll.“ Bekannt geworden ist die 20-Jährige durch „Deutschland sucht den Superstar“; Gracia hat damals zwar nicht gewonnen, war aber bei den Zuschauern sehr beliebt. Sie packt ihre Sachen zusammen: Autogrammkarten, Schminke und einen glitzernden Schnuller – das Geschenk eines Fans. Als Superstar würde sich Gracia nicht bezeichnen. Eher als Popsternchen. „Ein Popstar ist man erst, wenn man sich über ein Jahr im Business gehalten hat.“

Am Montag wurden bei Pro 7 die neuen „Popstars“ gefunden, die Girlband Preluders und die Boyband Overground. Bis zu 4,55 Millionen Zuschauer sahen zu. Und schon geht der Castinghype in die nächste Runde: Ab heute kann der Zuschauer in der zweiten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ mitentscheiden, wer von den verbliebenen 50 Kandidaten in die Finalrunde kommt.

Ob die Sendungen nun einen Superstar, Popstars oder wie im ZDF „Die deutsche Stimme 2003“ suchen – allen wird eine große Karriere versprochen. Aber kann man in drei Monaten wirklich ein Star werden?

„Auf keinen Fall“, sagt Udo Dahmen, Geschäftsführer der neu gegründeten Popakademie und Leiter des Studiengangs Popmusikdesign. An der Mannheimer Akademie, die Mitte Oktober startet, werden 27 Studenten über drei Jahre lang ausgebildet. Dahmen hat zuvor den Popkurs an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater geleitet, unter anderem „Wir sind Helden“ unterrichtet. Jene Gruppe („Reklamation“), die erfolgreich wurde, ohne aus einem Casting hervorgegangen zu sein. „Wir sind Helden“ erfüllen die Kriterien, die Udo Dahmen von den Popakademie-Bewerbern verlangt: Kreativität und Originalität. „Sie sollen mit dem Umsatzdruck umgehen können, singen, möglichst selbst Texte schreiben und Instrumente spielen.“ Die Castingshows sind für Dahmen vor allem ein mediales Ereignis, bei dem unabhängig vom Talent kurzlebige Stars kreiert würden.

Es mag altmodisch klingen, aber ohne fundierte Ausbildung und jahrelanges Training scheint auch heute eine Karriere nicht von Dauer zu sein. Judy Niemack, Gesangsdozentin für Jazz- und Popularmusik an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule für Musik, verweist auf Weltstars wie Céline Dion und Whitney Houston, die schon als Neunjährige an ihrer Stimme gearbeitet hätten. Die gebürtige Amerikanerin ist selbst Jazzsängerin und seit 1995 Professorin an der Hanns-Eisler-Schule, an der die Studenten über vier Jahre ausgebildet werden. Für eine gute Stimmausbildung sei das nicht lang, sagt sie. Gelegentlich sieht sich Judy Niemack die Castingshows an. Die Karriere der No Angels, der ersten „Popstars“-Band, hat sie verfolgt. „Jede hat ihre persönliche Stärke gefunden, deshalb sind trotzdem nicht alle gute Sängerinnen“, sagt sie. Immerhin haben sich die No Angels bis zu ihrer Auflösung drei Jahre erfolgreich gehalten. Bis Dezember hält die Band ihre Termine ein, dann ist erstmal Schluss.

Im Berliner Tanzstudio von Detlef D! Soost – Choreograf und Jury-Mitglied von „Popstars“ – hängt eine goldene Schallplatte von den No Angels. Soost trainiert gerade die dritte „Popstars“-Generation. Sein Lieblingssatz und Erfolgsrezept: „Lieber werde ich von den Leuten, die ich coache, für meine Härte gehasst, als dass ich sie nicht an ihre Leistungsgrenze bringen kann, und sie nicht alles geben.“ Dass jemand in drei Monaten Popstar werden kann, daran glaubt auch er nicht. Alle Popstars-Finalisten hätten ja schon mehrere Jahre Musik gemacht oder getanzt. Er glaubt, wer es bis zum Workshop, in dem täglich zwölf Stunden trainiert wird, geschafft hat, der habe auf jeden Fall gewonnen. Das Tanz- und Vocal-Coaching, sofern es gezeigt wird, findet auch Udo Dahmen von der Popakademie gut. „Die Macher der Shows haben sich da gute Leute eingekauft, das Problem ist eher die Kürze der Zeit.“ Und, nicht zu vergessen, die Marketingmechanismen, in die die jungen Menschen geraten, ohne sie selbst kontrollieren zu können. Beispiel Daniel Küblböck von „Deutschland sucht den Superstar“, der jetzt sogar ein eigenes Parfüm mit dem Namen „Crazy“ herausgebracht hat. Lange wird er sich damit nicht halten. Aber der nächste Freak ist sowieso gefunden. Lorenzo, 19, hat es in der zweiten „Superstar“-Staffel unter die Top 50 geschafft. Sein Markenzeichen: rumhüpfen, quietschen und heulen. Wie Daniel Küblböck würde auch ihn keine Musikhochschule annehmen.

Judy Niemack findet ohnehin, dass die Kommentare der Jurys selten hilfreich sind. Es gibt zwar einen polternden Dieter Bohlen, aber ein Feedback, das die Kandidaten weiterbringe, habe sie fast nie gehört. „Ich wäre ein härteres Jurymitglied“, sagt Niemack.

„Deutschland sucht den Superstar“, RTL, 20 Uhr 15

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