Journalisten-Thriller in der ARD : Ceta und Mordio

Der ARD-Film „Tödliche Geheimnisse“ geht im Enthüllungsgetöse unter. Und die linke Aversion gegen den Kapitalismus steigert sich zum Schauermärchen.

Nikolaus von Festenberg
Als Journalisten ein Team, privat ein Paar: Chefredakteurin Karin Berger (Anke Engelke, rechts) und ihre Enthüllungsreporterin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf).
Als Journalisten ein Team, privat ein Paar: Chefredakteurin Karin Berger (Anke Engelke, rechts) und ihre Enthüllungsreporterin...Foto: ARD Degeto/Stephan Rabold

Wie sie da aus dem Flughafen eilen, die Magazin-Rechercheurin Rommy (Nina Kunzendorf) und die Unternehmerinnentochter Tessa (Paula Beer), und sich in heiterster Homoerotik beflirten, keimt Hoffnung auf neue Krimizeiten: mal was anderes sehen als die charmeerloschenen Hetero-Krimikerle. Ob sie noch einen Kaffee trinken wollen, fragt die herbe Rommy die jüngere Tessa, aber die hat die Situation längst gepeilt: „Ich ja, aber du nicht“.

Denn da steht als Abholerin die besorgte Karin (Anke Engelke), die Chefredakteurin des Magazins, und man sieht sogleich, dass die Beziehung zwischen den beiden viel mehr ist als eine bloß berufliche. Karin hat den Flirt bemerkt, nimmt ihn aber spielerisch und packt der geliebten Freundin frische Wäsche in den Koffer. Rommy muss gleich weiter, nach Brüssel zum Interview mit dem Whistleblower Paul Holthaus (Oliver Masucci).

Die Pflicht ruft – leider. Kein neugieriger Einblick mehr in das Beziehungsleben lesbischer Frauen. Der Plot (Buch: Florian Oeller) hat eine schier endlose Monsterwelt aufgebaut, durch die Rommy und ihre Chefin hetzen müssen. Viel, viel Stoff, keine Zeit für Kaffee mit Liebesschaum.

Der Thriller lärmt los. Die linke Aversion gegen alles, was kapitalistische Wirtschaft ist, steigert sich in dieser Krimifiktion zum Schauermärchen. Handelsverträge wie das europäisch-amerikanische TTIP-Projekt kennt der Film nur als mörderischen Überwältigungsversuch erzkapitalistischer Plutokraten. Das klärt die Fronten: Gut kämpft gegen Böse.

Schlichte Sicht der journalistischen Dinge

Journalisten verwandeln sich durch das Schwarz-Weiß des Thrillers vom abwägenden Beobachter entweder in einen kämpfenden Engel der Gerechtigkeit oder einen feigen Verräter. An diese schlichte Sicht der Dinge muss man glauben, wenn man „Tödliche Geheimnisse“, wie es der ARD-Programmdirektor Volker Herres im Vorwort des Programmheftes tut, zur „exemplarischen Auseinandersetzung“ erhebt. Aber wie exemplarisch wäre, selbst als Fiktion, jetzt ein Krimi über das unterzeichnete deutsch-kanadische Abkommen Ceta, der nur mit „Ceta und Mordio“-Geschrei durchdiskutierte Ängste erneut schüren würde?

Tapfer versucht eine sensible Regisseurin wie Sherry Hormann, ihren Schauspielerinnen bei allem Enthüllungsgetöse des Drehbuchs Platz für Charakterzeichnungen zu eröffnen. Manchmal gelingt der Versuch, manchmal scheitert er, nicht zuletzt, weil sich der Öko-Schulfunk über Bodenvergiftung, Dritte-Welt- Elend und Konzerntrickserei in papierenen Monologen allzu sehr ausbreitet.

Mit der von Kunzendorf in einer Mischung aus Melancholie und zartem Staunen glänzend gespielten Figur der Nachrichtenjägerin Rommy gelingt es am überzeugendsten zu zeigen, wie gewinnbringend Frauen dem Genre frische Akzente verleihen können. Das verabredete Interview in einem Brüsseler Hotel mit dem Whistleblower Holthaus platzt. Der Informant verschwindet während des Termins, unerklärlich für Rommy. Entführung? Flucht? Finte? Wo ist das versprochene Informationsmaterial? Wir Zuschauer werden von einem zum nächsten Krimirätsel geführt, blicken durch Überwachungskameras und werden mit Informationshäppchen gefüttert, die den verschwundenen Paul als Missetäter, treulosen Ehemann und Vater erscheinen lassen.

Chefredakteurin wird Fahnenträgerin des aufrechten Journalismus

Nicht so eindringlich fallen die Blicke auf die Figur Karin aus. Anke Engelke als Chefredakteurin spielt uns erst die Fahnenträgerin eines aufrechten Journalismus vor, die dann aber die Nerven verliert und zur Verräterin wird: Die wiedergefundenen Enthüllungssticks verbrennt sie in der Mikrowelle. Karin wird von zwei Seiten zermürbt: von der sinkenden Auflage und dem für das Gewerbe typischen psychischen Ausnahmezustand, der einem entspannten Partnerglück im Wege steht. Die Feinde einer mutigen Presse haben bei Karin am Ende merkwürdig leichtes Spiel, da fehlen dem Film Erklärungen.

Für die Figur der Bösewichtin, die hinter allem steckende Konzernchefin Lilian Norgren (Katja Riemann), reichen die Konzeptionsideen leider gar nicht mehr. Da kann Riemann noch so viel hysterisches Theater machen. Diese böse Königin stammt aus dem Mythenkästchen, hat ihren Lover wie einst Circe den Odysseus verhext und um ein Haar auch ihre Tochter Tessa, mit der sie auf heimischer Fechtbahn ficht und deren mangelndes Talent zur Finte kritisiert. Für weibliches Florett herrscht in solchen Szenen zu viel Säbel. Oder sind Frauen vielleicht zu gut für das Böse? Quatsch.

„Tödliche Geheimnisse“, ARD, Samstag, 20 Uhr 15

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